Was passiert mit Christbäumen, die niemand kaufen will? Die kurze Weihnachtsgeschichte von Karl, der kleinen schiefen Fichte, zeigt ein berührendes Weihnachtswunder und erinnert daran, dass jeder Baum seinen Platz findet. Die Weihnachtsgeschichte für Kinder (und auch für Erwachsene) gibt es ganz unten als pdf zum Ausdrucken und Vorlesen!
Unten bei den Mühlen, dort, wo die vielen Fischweiher sind, fand jedes Jahr zur Adventszeit der größte und schönste Christbaumverkauf weit und breit statt. Vielleicht warst du schon einmal dort und hast die Heidi kennengelernt. Sie kümmert sich darum, dass jeder genau den richtigen Christbaum findet. Egal ob groß oder klein, ob buschig oder schlank. Die Bäume haben es gut bei ihr. Jede Tanne, die in Mühlen landet, weiß, dass sie bald als wunderschöner Christbaum in einer Wohnstube stehen und eine Familie glücklich machen wird.
Das ging jahrelang gut, da nur die schönsten Bäume zur Heidi geliefert wurden. Und dann stand da eines Tages zwischen all den schönen, stolzen Tannen eine magere kleine Fichte. Fast nackert stand sie da, die Äste hingen ihr traurig hinunter, und sie hatte schon so viele Nadeln verloren, dass sie fast durchsichtig war. Außerdem war die kleine Fichte so krumm gewachsen, dass es Heidi ums Verrecken nicht gelang, sie gerade in den Verkaufsständer zu stellen. Entweder hing die Spitze schief in der Luft oder die Spitze war gerade, aber der ganze restliche Baum schien schief und traurig vor sich hinzuhängen.
Die Heidi hatte Mitleid mit der kleinen hässlichen Fichte und stellte sie ganz nach vorne hin, wo garantiert jeder an ihr vorüberlief. Irgendjemand würde sich schon erbarmen für die schiache Fichte.
Am ersten Advent interessierte sich niemand für die Fichte, die traurig vor sich hin nadelte. Am zweiten Advent waren all die Tannen um sie herum weggekauft worden und freuten sich auf Heiligabend. Heidi versuchte, noch einen besseren Platz für die Fichte zu finden. Sie und alle Helfer beim Christbaumverkauf hatten sich inzwischen auf einen Namen für die mickrige Fichte geeinigt. Sie hieß inzwischen Karl der Christbaum.
Auch am dritten Advent stand Karl der Christbaum noch immer einsam an einem prominenten Platz. Doch während jede halbwegs passable Tanne sofort einen Käufer fand, blieb Karl der Christbaum einsam und verlassen stehen, egal wie viele Kunden an ihm vorbeiliefen.
„Was passiert eigentlich mit den Christbäumen, die keinen Käufer finden?“, wollte ein neugieriger Kunde von Heidi wissen.
„Naja“, erklärte sie. „Das kommt hoffentlich nicht so oft vor. Wir wollen schon alle verkaufen. Jeder Baum soll ein Christbaum werden und Augen zum Leuchten bringen. Aber sollte wirklich einer übrig bleiben, dann…“ Heidi seufzte. „Um ehrlich zu sein, schneiden wir ihnen die Äste ab und verfüttern sie an die Rehe.“
„Ach wie schön! Sie füttern damit die Rentiere!“
„Nein, die…“, wollte Heidi noch korrigieren. Aber als sie sah, dass einige Kinder in der Nähe standen, die mit großen Augen dem Gespräch lauschten, nickte sie. „Ja, mit den Daxen füttern wir die Rentiere. Damit sie genug Kraft haben, den Schlitten vom Weihnachtsmann zu ziehen.“
„Oder den vom Christkind!“, korrigierte eines der Kinder.
Heidi nickte und schaute zu Karl dem Christbaum hinüber. Der hatte so wenige grüne Äste an sich hängen, dass selbst die Rehe die Nase rümpfen würden, wenn sie seine Äste als Weihnachtsmahl vorgesetzt bekämen. Es musste sich doch irgendein Kunde dem armen Karl erbarmen!
Am 4. Advent, kurz vor Weihnachten, standen nur noch wenige Christbäume zum Verkauf. Die Familien, die allesamt viel zu spät dran waren, hatten ihre Ansprüche stark nach unten gesenkt und kauften, was ihnen in die Quere kam. Nur Karl der Christbaum wurde konsequent ignoriert. Heidi sah dem Treiben traurig zu und ahnte, dass es mit Karl dem Christbaum kein gutes Ende nehmen würde.
Da tauchte auf einmal ein Mädchen auf, das sich Karl den Christbaum ganz lange anschaute. Ihr Vater hievte gerade eine riesige Tanne auf seinen SUV. „Mama, Papa! Schaut mal den hässlichen Christbaum an! Sollen wir den retten?“, rief das Mädchen.
Da spürte Heidi einen kleinen Stich. Sie wünschte sich sehr, dass Karl der Christbaum eine liebevolle Familie für Heiligabend fand. Aber niemand sollte Karl den Christbaum aus reinem Mitleid mitnehmen. Und schon gar nicht diese Familie, die ihn wohl als abschreckendes Beispiel neben den herrlich großen Christbaum aufstellen würde.
Als der Vater tatsächlich Anstalten machte, Karl den Christbaum zu kaufen und mit einem Fünfzig-Euro-Schein herumwedelte und sagte: „Das reicht doch sicher, gnädige Frau, nicht wahr?“, schüttelte Heidi den Kopf.
„Tut mir leid, mein Herr! Dieser Christbaum ist bereits reserviert“, sagte sie und stemmte ihre Arme in die Hüften.
„Was? Dieses hässliche Häufchen Elend ist schon reserviert? Aber welcher Vollidiot kauft denn so einen mickrigen Baum?“
„Ich!“, sagte sie mit fester Stimme. „Das ist Karl der Christbaum. Und er feiert dieses Jahr bei mir Weihnachten!“
Und so kam es, dass – nachdem an Heiligabend das Glöckchen klingelte und Heidis Familie die Stube betrat – alle Augen auf den wunderschön geschmückten hässlichen Christbaum gerichtet waren. Die Großeltern runzelten die Stirn und tuschelten miteinander. Aber die Kinder sahen sofort, dass sich hier ein kleines Weihnachtswunder abgespielt hatte: „Das ist ja Karl der Christbaum!“, riefen sie begeistert.
Und am Ende des Heiligen Abends freuten sie sich noch mehr, dass der hässliche kleine Christbaum so schön geschmückt stolz in ihrem Wohnzimmer stand, als über die eigentlichen Geschenke. Und auch für Karl der Christbaum war es ein Weihnachten, noch schöner, als er es sich als Christbaum jemals erträumt hätte.
Ende

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