“Raus aus dem Bett! Heute ist die große Demo für die Demokratie!” Keine Reaktion aus dem Kinderzimmer. “Hey, hier geht es auch um deine Zukunft! Um deine Stadt!” Man hört ein Gähnen. Ein sich auf die andere Seite wälzen. Dann die klare Aussage: “Kein Bock!”
Und ich kann dem Kind nicht mal einen großen Vorwurf machen. Zwei Jahre sind die letzten großen Demos für Demokratie und ein buntes Miteinander her. Dazwischen haben wir wie ein verschrecktes Reh auf den Scheinwerferkegel des auf uns zu rasenden SUV geglotzt und halb verschlafen, halb resigniert zugeschaut, wie ein sogenannter “Vibe-Shift” alte Gewissheiten aushebelt. Jetzt sind sie endgültig hier in unserer Stadt. Die, gegen die wir seit Jahren versuchen mehr und laut und bunt zu sein. Wenn von links bis rechts Gewerkschaften, Kirchen und alle im Stadtrat vertretenen Parteien geschlossen zur Demo aufrufen, dann muss erneut was verrutscht sein. Also alle auf die Straße für die Demokratie. Alle bis auf ein Kind, das heute lieber “chillen” möchte. Chillen für die Demokratie ist 24/7 möglich. Aber nicht jetzt! Weil nie wieder ist jetzt! Da sämtliche Überredungskunst und sanfter demokratischer Druck nichts helfen, muss ein elterliches Exempel statuiert werden was passiert, wenn demokratische Institutionen ausgehebelt werden: Ganz patriarchalisch autokratisch verabschiedete ich mich, indem ich den Internet-Router aussteckte und in meinen Rucksack packte: “Keine Demokratie, kein WLAN!” “Juckt mich nicht!” Da ich mir dann doch ein wenig blöd vorkam, mit einem WLAN Router auf eine Demo zu gehen, sperrte ich diesen kurzerhand ins Auto. Wer würde den längeren Atem haben? Die Bevölkerung, die für Demokratie Krach macht? Oder das Kind, das mutterseelenallein mit begrenztem Mobilfunkvolumen im netzschwachen Stadtrandsgebiet zurückgelassen wurde? Nachdem wir tolle Reden vom Oberbürgermeister, vom Historiker, vom Pfarrer und Vertretern aller demokratischen Parteien angehört hatten, machte ich mir nun doch Sorgen und checkte das Handy. Eine Nachricht: “Krieg ich wieder WLAN? Heute spielen doch die Bayern!” Auf meine Nachfrage hin, woher er wisse, wo das WLAN abgeblieben sei, erfahre ich, dass er “Spazieren gegangen” sei. Vermutlich in die Stadtteile, in denen besserer Mobilfunkempfang ist. Und zufällig habe er dann die Fritz-Box im Auto liegen sehen. Aber wir Eltern blieben hart. Wer sich nicht für die Demokratie einsetzt, braucht auch die Bayern nicht anzuschauen. Dass ich mit dem Abschalten des WLAN auch unsere PV-Anlage durcheinander brachte, das Heizungssystem störte und das Festnetz lahmlegte, ist eine andere Geschichte. Aber das sollte uns Demokratie doch wert sein!

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