Die Sonne scheint, das Meer glitzert und der Urlaub scheint perfekt. Doch manchmal genügt ein kleines Detail, damit sich die Wirklichkeit verändert.
In der Horror- Kurzgeschichte „Scoppio“ verbringen Thomas, Emmi und ihre Kinder entspannte Ferientage an der italienischen Küste. Als immer mehr merkwürdige Ereignisse zusammenkommen – leere Strände, Rauchwolken am Horizont, Militärflugzeuge und plötzlich verschwundene Menschen – wächst ein Gefühl der Unsicherheit, das sich nicht mehr abschütteln lässt.
Ganz im Geiste von Thomas Manns "Der Tod in Venedig" habe ich meine Urlaubserlebnisse vom Strandurlaub 2026 in Piombino in eine düstere Horror-Dystopie verpackt. Wie der Strandurlaub in der Toskana tatsächlich war, könnt Ihr übrigens hier nachlesen.
Eine beklemmende Kurzgeschichte über einen Italienurlaub, der aus den Fugen gerät
Am 7. Tag in Italien verlängerten wir unseren Urlaub um weitere 3 Nächte. Es gab am Brenner seit Tagen ungewöhnlich große Staus und eine Vollsperrung. Es brachte auch nichts, so wie letztes Jahr, am Vortag abzureisen, da der Brenner seit Tagen nahezu unpassierbar war. Wir waren so weit im Süden, dass wir von der Urlauberschwemme nichts mitbekamen. Im Gegenteil. Unser Strandabschnitt war menschenleer. Noch weniger Menschen als damals, als wir während der Pandemie ein erstes Mal hier Urlaub gemacht hatten. Wir mochten den Strand. Obwohl sich im Norden ein gigantisches stillgelegtes Kraftwerk befand, dessen Türme weit in den Horizont hineinragten. Dahinter reihten sich Windräder aneinander, die das Kraftwerk ersetzt hatten. Eines der Windräder drehte sich nicht mehr. Ein Rotor war abgeknickt. Vermutlich ein Blitzeinschlag.
Meine Kinder liebten den Strand. Eine Mischung aus Kiesenlsteinen und feinem Sand, der mittags so heiß wurde, dass man rasch ins Wasser laufen musste. Das Wasser war um diese Jahreszeit noch sehr kalt. Obwohl die Kinder stundenlang schnorchelten, sahen sie dieses Jahr keine Fische im klaren Wasser. Einzig an der Landzunge, wo der Fluss ins Meer mündete, trieb eine große rote Königskrabbe tot im Wasser.
Emmi war seit Tagen wütend auf mich, weil ich die Stausituation nicht auf dem Schirm gehabt hatte. Unser Urlaubsbudget war wegen der Inflation ziemlich geschrumpft und wir rechneten stundenlang hin und her, wie wir die zusätzlichen Urlaubstage gegenfinanzieren könnten. Emmi wollte weder die wahren Ausmaße der aufziehenden Wirtschaftskrise sehen, noch den ungeschönten Stand unserer Konten begreifen. Aber wir hatten keine andere Wahl. In den Nachrichten sah man Bilder von vollgepackten Autos wie unserem und weinenden Familien wie unserer, die bereits einen zweiten Tag auf der Autobahn verbringen mussten.
„Scheiß auf das Geld. Lieber mache ich drei Tage länger Urlaub und komme dafür erholt daheim an, als sehenden Auges in diesen Horror hineinzufahren."
In der Rezeption der Ferienanlage warteten wir angespannt, ob wir unseren Aufenthalt verlängern könnten. Die letzten Male war die Anlage auf Wochen ausgebucht gewesen. Die junge Frau, die unsere Daten ins System eintippte, konnte uns nach wenigen Augenblicken mitteilen, dass wir unseren Bungalow problemlos verlängern könnten.
Emmi freute sich. „Die Inflation hat auch sein Gutes. Offensichtlich können sich auch die Italiener heuer weniger Urlaub leisten.“
An der Rezeption informierte uns die junge Frau, dass wir dennoch am Abend für eine Stunde die Anlage verlassen müssten. Aufgrund der Mückenplage würde die ganze Anlage mit einem leichten Pestizid besprüht. Uns wurde geraten, während dieser Zeit keine Kleidung draußen aufzuhängen und auch den restlichen Abend die Fenster geschlossen zu halten. Bei der Gelegenheit bat Emmi darum, die Bettwäsche und die Handtücher austauschen zu lassen. Der Schmutz der letzten sieben Tage war ihr gerade noch erträglich erschienen, aber die zusätzlichen Tage wollte sie in frischer Bettwäsche verbringen.
Die Rezeption hatte sich inzwischen merklich gefüllt. Einige der an sich wenigen Gäste standen mit vollem Gespäck hinter uns in der Schlange. Auch der Bus mit der italienischen Jugendfußballmannschaft, der gestern erst angekommen war, bereitete sich offensichtlich auf die Abreise vor.
„Komisch", bemerkte Emmi, als wir zum Bungalow zurückgingen. „So viel Gepäck wie die dabei hatten war ich sicher, dass sie mindestens eine Woche bleiben."
„Vielleicht haben sie Hausverbot bekommen, weil sie gestern so laut gefeiert haben", entgegnete ich.
Eigentlich wollten wir den Vormittag am Pool verbringen. Allerdings waren die Müllcountainer noch immer nicht geleert worden und je nach Windlage waberte ein unangenehmer Gestank über die Anlage, der auch am Pool noch wahrnehmbar war. Also packten wir auch heute unsere Strandsachen ins Auto und fuhren zum Meer, das einen Kilometer entfernt war.
Obwohl alle Liegen unserer Ferienanlage noch frei waren, legten wir uns daneben auf unsere Stranddecke, die wir im Coop gekauft hatten. Der schmale Schirm warf nur wenig Schatten und manche Böe rüttelte so stark an ihm, dass wir mehr als befürchteten, er flöge davon. Emmi blickte mich vorwurfsvoll an: „Thomas, ich halt ja die Klappe. Aber du siehst ja selbst, dass man auch am völlig falschen Ende sparen kann.“
Nachdem wir die Kinder eingecremt hatten, war die 50er Sonnencreme fast aus. Den letzten Rest teilte ich mir mit Emmi. Sie sagte nichts. Da ich es war, der darauf bestanden hatte, dass für eine Woche eine einzige Tube völlig reiche, konnte ich mir ihre Gedanken aber ausmalen. Sie nahm ihre Luftmatratze und ging wortlos ins Wasser.
Es waren so wenige Menschen am Strand, dass die beiden in Rot gekleideten Männer der Wasserwacht uns nicht aus den Augen ließen. Als meine Frau auf ihrer Luftmatratze in Richtung der orangenen Bojen aufs Meer abdriftete, sah ich, wie sich die Körperhaltung der beiden anspannte. Sie schauten mit starrem Blick aufs Meer hinaus. Ich rief Emmi, sie solle nicht so weit hinausfahren. Erst jetzt fiel mir das riesige Schiff auf, das sich hinter ihr am Horizont neben den Inseln abzeichnete. Es war lang und von undefinierbarerer Form. Kein Touristendampfer. Aber auch kein Frachtschiff. Aber ähnlich groß.
Ich winkte Emmi, sie solle zurückpaddeln, ehe die Männer mit ihren roten Shirts zur Trillerpfeife griffen. Wir hatten das in der Türkei erlebt. Es war ein ähnlich starker Seegang wie heute und wir hatten die schwarze Flagge nicht gesehen. Die Lifeguards waren außer sich, als wir mit unseren aufblasbaren Donuts ins Wasser gegangen waren. Aber das war vor den Kindern. Und aufgrund der politischen Lage hatten wir danach nie wieder erwogen, in die Türkei zu fahren.
Wo waren eigentlich die Kinder?, fragte ich mich. Das Loch, das sie gerade noch gegraben hatten, war leer.
Emmi sah aus wie ein Seehund, der sich über sein neues Spielzeug freute, als sie mit ausladenden Bewegungen zurück ans Ufer paddelte. Hinter ihr wurde das Schiff am Horizont langsam aber deutlich wahrnehmbar größer. Es war grau. Oder grün. Ich hatte so ein Schiff noch nie gesehen.
Die Salvataggios wirkten weiter beunruhigt. Sie diskutierten mit schwer deutbaren italienischen Gesten miteinander. Obwohl Emmi schon wieder zurück im flachen Wasser war, richtete sich ihr Blick weiter nervös aufs Meer hinaus.
„Hast du das Schiff gesehen?", fragte Emmi, als sie tropfend aus dem Wasser kam. „Das sieht aus wie ein Flüssiggastanker."
Emmi trocknete sich ab und legte sich neben mich auf die Decke.
„Woher weißt du, wie ein Flüssiggastanker aussieht?"
„Die sieht man doch ständig in den Nachrichten", antwortete sie. „Wenn es die nicht gäbe, könnten wir uns im Winter überhaupt keine Heizung mehr leisten."
„Wo sind eigentlich unsere Kinder?“, fragte ich sie.
„Woher soll ich denn das wissen? Ich war doch im Wasser! Du hast doch die Aufsicht.“
Der Strand war so gut wie leer. An der Landzunge standen zwei Fischer und hielten ihre Ruten ins Wasser.
„Sie waren eben noch da.“
Wir riefen ihre Namen.
Nichts.
Ich sprang auf. „Wo sind die denn hin?“
Ich rief noch einmal ihre Namen.
Es war nur die Brandung zu hören.
Die beiden Rettungsschwimmer fixierten mich mit ihrem Blick. Etwas an der Art wie sie mich anschauten, gefiel mir nicht.
Auf dem Weg zu ihrem Hochsitz hörte ich auf einmal die Stimmen aus dem Wald. „Mama Mama!“
Beide Kinder kamen aus dem Wald gerannt. „Mama, Mama! Schau!", rief der Jüngere aufgeregt.
„Was ist denn?"
„Da!" Er deutete in Richtung der südlichen Küste. „Es brennt!"
Erst sah ich nicht, was er meinte. Der Küstenstreifen, der sich über den halben Horizont erstreckte, bestand aus einer langen Hügelkette und einer größeren Stadt, die aber so weit entfernt war, dass man einzig größere Hochhäuser und einen Kaminschlot als einzelne Gebäude erkennen konnte. Erst nach längerem Hinschauen erkannte ich inmitten der Gebäude den Rauch. Eine große schwarze Rauchwolke, die sich zwischen den Gebäuden gebildet hatte. Wäre der Rauch weiß gewesen und wäre es nicht so heiß gewesen, hätte man ihn für Nebel halten können. Aber ein großer Teil der Stadt war in diese schwarze Wolke gehüllt.
„Ist das Smog?", fragte Emmi.
Ich schaute ein zweites Mal hin. Kniff die Augen zusammen. Verglich die Größe der Rauchwolke mit den Hochhäusern ringsum. „Vermutlich", sagte ich.
Der Blick meiner Frau verdüsterte sich. Sie sah mich ernst an. „Thomas", sagte sie.
Ich schaute noch einmal zur schwarzen Rauchwolke. Ich wusste selbst, dass das kein Smog war. „Thomas", wiederholte sie. Ihr Blick war so ernst wie damals, als sie sagte, sie habe einen Abgang gehabt.
„Mach dir keine Sorgen, es gibt sicher eine Erklärung für den Rauch", sagte ich.
Emmi schüttelte den Kopf. „Ich meine nicht den Brand.“ Sie deutete auf mein Bein. „Thomas, was ist das? Hattest du das gestern auch schon?"
Etwas an ihrem Blick beunruhigte mich. Jetzt sah ich es auch. Auf der Seite meiner rechten Wade hatte sich eine Entzündung gebildet. Ein roter Ring, groß wie eine Untertasse, umkreiste meine Wade.
„Komisch", sagte ich. „Da hatte ich vor ein paar Wochen einen Insektenstich. Der war aber schon lange weg."
Emmi ging in die Hocke und inspizierte mein Bein. „Das sieht nicht gut aus. Du weißt, was das ist?"
„Emmi, jetzt jag mir keine Angst ein und sag einfach, was das ist!"
„Das ist Borreliose."
„Aber die wird doch von Zecken übertragen. Ich bin gegen die geimpft."
Emmi sog die Luft ein wie immer, wenn sie kurz davor war zu explodieren. „Gegen Borreliose gibt es keine Impfung. Du musst zum Arzt."
„Wie denn? Wir sind achthundert Kilometer von zu Hause weg. Und es ist Wochenende. Wir müssen—"
Meine Worte gingen in einem ohrenbetäubenden Donnern unter. Die Kinder hielten sich die Ohren zu und deuteten nach oben. Dann drehte ich mich um und sah einen Düsenjet, der aufs Meer hinausflog.
„Ein Düsenjäger!", riefen die Kinder aufgeregt. Emmi blickte immer noch sorgenvoll auf meine Wade. Als der Himmel von einem zweiten Düsenjet durchschnitten wurde und es laut knallte, als er die Schallmauer durchbrach, schaute auch sie nach oben. „Wo wollen die denn hin?"
Ich zuckte die Achseln und schaute dem Flugzeug nach, das auf Höhe des Schiffes am Horizont verschwand. Das Schiff hatte deutlich an Größe zugenommen.
„Entweder wir fahren heute noch in die Notaufnahme. Oder wir fahren direkt am Montag nach Hause."
„Aber wir haben schon alles bezahlt. Wir wollten doch noch einen Puffertag freihalten", entgegnete ich.
„Also wenn am Montag der Brenner immer noch dicht ist, dann wird das sowieso zur Staatskrise. Dann machen die Gardasee-Urlauber einen Aufstand, dass es knallt."
„Du kannst am Montag auch gerne zu einem italienischen Arzt gehen. Für mich ist der Urlaub so oder so vorbei. Du brauchst dringend Antibiotika."
„Komm schon, Emmi. Die Antibiotika laufen sicher nicht weg. Da kommt es auf den einen oder anderen Tag auch nicht an."
„Sagt unser Doktor Hypochonder."
„Mami, Mami, da sind noch mehr Flugzeuge!" Unser Kind deutete zum Himmel.
Mehr als ein Dutzend Frachtflugzeuge durchkreuzten langsam in einer V-Formation den Himmel.
„Ist das italienisches Militär?", fragte Emmi.
„Könnte sogar Bundeswehr sein. Aber was machen die hier?"
Wir schauten wortlos der Himmelsprozession zu, die mehrere Minuten dauerte, und lauschten dem Brummen und Rauschen der Flugzeugmotoren. Ich hatte noch nie so viele Flugzeuge zugleich am Himmel gesehen.
„Wo fliegen die hin?", fragte unser großes Kind.
Ich zuckte die Achseln.
„Also wirst du nicht zum Arzt gehen?", fragte Emmi, als das Brummen der Motoren sich verflüchtigt hatte.
„Wenn alles gutgeht, sind wir am Montagnachmittag zu Hause. Dann gehe ich sofort zum Doktor. Okay?"
„Du bist so ein schrecklicher Optimist. Hast du die Verkehrslage schon gecheckt?"
„Wozu? Wir wissen doch, dass heute immer noch alles dicht ist."
„Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß."
Ich legte gerade eine schnippische Antwort zurecht, als ein dumpfes, knallartiges Geräusch die letzten verbliebenen Strandgäste aufschrecken ließ. Die Druckwelle einer fernen Explosion war gerade noch zu spüren, und der Knall breitete sich weit ausschweifend, aber schwächer werdend über den kilometerlangen Strand aus.
„Oh mein Gott, was war das?", fragte Emmi. Die Kinder hatten ihr Spiel unterbrochen und drängten sich dicht an ihre Mutter. „Ich hab Angst", sagte der Kleine.
„Thomas, da ist irgendwas passiert!"
„Ich bin nicht taub."
Ich suchte nach dem Ursprung der Explosion. Ob der schwarze Rauch in der Stadt etwas damit zu tun hatte? Er war unverändert. „Vielleicht ist auf dem Schiff etwas explodiert", sagte ich.
Das Schiff näherte sich langsam aber stetig der Küste. „Du, das ist gar kein Tanker", sagte ich. Nun war es ziemlich klar zu erkennen. Zumindest die drei Kanonen, mit denen es bestückt war. „Das ist ein Kriegsschiff."
„Thomas, bitte frag mal bei der Wasserwacht nach. Vielleicht wissen die, was los ist." Sie deutete zu dem Turm, wo vor einer Weile noch die zwei Lifeguards mit ihren roten T-Shirts gestanden waren. Der Turm war leer. „Seltsam. Wo sind die denn hin?"
Emmis Blick wanderte über den Strand. „Schau doch! Es ist überhaupt keiner mehr da. Wir sind die einzigen."
Der Strand war in der Tat menschenleer. Zwischen der fernen Stadt mit der schwarz wabernden Rauchwolke auf der einen Seite und dem sich der Küste nähernden Kriegsschiff auf der anderen war kein einziger Mensch mehr zu sehen. Ein verlassener Sonnenschirm steckte in einiger Entfernung verloren im Sand, als hätte jemand keine Zeit mehr gehabt, ihn abzubauen.
„Mama, ich will nach Hause!" Der Kleine begann zu weinen.
„Thomas, das Kind hat Angst. Hast du schon geschaut, ob in den Nachrichten was ist?"
Ich kramte im Rucksack nach meinem Handy. Dreizehn Anrufe in Abwesenheit. Eine deutsche Festnetznummer. Ich wischte auf Google News.
„Kein Netz", seufzte ich.
„Wie, kein Netz? Du hast doch die letzten Tage stundenlang hier im Internet verbracht."
„Da, schau doch selber: Kein Netz. Warum hast du eigentlich nie ein Handy dabei?"
„Fragt der, der sich gleich zwei Mal in Italien hat ausrauben lassen. Ich möchte jetzt zurück ins Zimmer. Ich habe ein ganz ungutes Gefühl."
„Mama, ist das ein Terroranschlag?", fragte das große Kind.
„So ein Quatsch!", sagte ich.
„Das Kind hat recht. Irgendwas ist passiert. Komm, lass uns zurückgehen und fragen, was los ist."
„Emmi, du machst uns doch nur lächerlich. Du hast doch gesehen, wie die an der Rezeption die Augen verdreht haben, weil du darauf bestanden hast, wegen der Brennersache das Zimmer zu verlängern. Die Italiener denken doch sowieso schon: Immer diese Deutschen mit ihrer Angst und Panikmache. Nur weil irgendwo irgendwas geknallt hat."
Emmi deutete energisch zur Stadt: „Und was ist das? Da brennt die halbe Stadt."
„Das kann alles Mögliche sein."
Ein weiterer Düsenjet flog über unsere Köpfe.
„Da!", rief Emmi und deutete nach oben. „Da hast du's. Die haben das Militär alarmiert, weil etwas passiert ist. Und wir sind die dummen Deutschen, die immer noch am Strand sind. Ja, Thomas, du hast recht. Die werden die Augen verdrehen und uns auslachen. Und zwar deshalb, weil wir so blöd sind und nicht begreifen wollen, was gerade vor sich geht."
Der Kleine begann zu weinen.
„Emmi, jetzt hör endlich auf, du bist diejenige, die den Kinder Angst einjagt. Gut, wir gehen jetzt zurück und fragen nach, ob etwas passiert ist."
Schweigend packten wir alles zusammen. Die letzten Tage waren wir mit einer kleinen Touristenbahn in Form einer Raupe, die zwischen der Anlage und dem Strand hin und her pendelte, zurückgefahren. Die Haltestelle, wo normalerweise zwei, drei andere Familien bereits auf die Abfahrt warteten, war leer. Auch von der Raupe war nichts zu sehen.
„Ich fürchte, wir müssen zu Fuß gehen", sagte ich.
Der Weg zwischen dem Strand und der Anlage betrug über einen Kilometer. Die Kinder taten sich schwer mit ihren Badetaschen und wir brauchten eine halbe Ewigkeit, da wir immer wieder mit ihnen diskutieren mussten. Ich bekam irgendwann Schweißausbrüche und starke Gliederschmerzen.
„Ich bin dafür, dass wir noch heute nach Hause fahren", sagte Emmi.
Ich ließ die Luftmatratze fallen. „Emmi. Der Brenner ist dicht. Niemand kommt durch. Niemand."
„Was ist mit der Tauernautobahn? Oder dem Reschenpass? Ich will nach Hause. Irgendwas stimmt hier nicht."
„Ich will auch nach Hause!" Der Kleine begann wieder zu weinen.
„Jetzt warten wir erstmal ab, was sie an der Rezeption sagen. Vielleicht ist es sogar sicherer, erstmal hier vor Ort zu bleiben."
„Siehst du! Du glaubst also auch, dass etwas passiert ist."
„So habe ich das doch gar nicht gemeint."
„Wenn etwas passiert ist, dann fahren wir sofort nach Hause. Versprochen?"
Ich hatte keine Kraft mehr zu widersprechen und rieb mir die Schläfen. Wo kam dieser pochende Kopfschmerz auf einmal her?
„Psst! Hörst du das?" Emmi blieb stehen.
„Was meinst du?"
„Sei still!"
Wir standen zu viert in der prallen Sonne des italienischen Spätnachmittags und lauschten in die Stille.
„Da!"
Jetzt hörte ich es auch.
„Mama, sind das Sirenen?", fragte der Kleine.
Ich nickte.
„Ist das für die Feuerwehr? Oder ist das ein anderer Alarm?", fragte Emmi.
„Was meinst du mit anderer Alarm?"
„Ja was wohl? Fliegeralarm oder Atomalarm oder so."
„Emmi!" Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn. „Wie kommst du denn auf so einen Irrsinn?"
„Hör doch einfach hin! Das ist doch kein normaler Feueralarm. Was für ein Alarm ist das denn?"
„Was weiß denn ich? Ich habe noch nie einen anderen Alarm als Feueralarm gehört."
Emmi griff nach den Händen der beiden Kinder und zog sie immer schneller gehend mit sich. „Mama, du tust mir weh!"
Die Anlage war nicht mehr weit. Die Sirenen waren nur schwach zu hören, aber auch Minuten später noch deutlich wahrnehmbar.
Als wir den großen Parkplatz der Anlage erreichten, stand in der Mitte nur noch ein einziges Auto. Unseres.
„Sie sind alle weg."
„Das seh ich selber."
Unser Bungalow war nicht mehr weit. Als wir ihn erreichten, stand die Tür weit offen. „Hast du nicht abgesperrt?"
„Doch, Emmi. Natürlich habe ich abgesperrt."
Als wir unser Zimmer inspizierten, war alles so, wie wir es verlassen hatten. Der Laptop stand auf dem Küchentisch. Die Switch der Kinder lag auf dem Bett. Auch beide iPads waren noch da.
„Check mal dein Handy, ob du Netz hast", bat ich Emmi.
„Kein Internet", sagte sie. „Aber mich hat auch eine deutsche Nummer mehrmals angerufen."
„Ruf sie mal zurück."
Sie führte das Handy ans Ohr und wartete. Emmi schüttelte den Kopf. „Kein Netz. Komm, lass uns an der Rezeption fragen, ob wir mit dem Festnetz telefonieren können."
„Und wen willst du anrufen?"
„Meine Eltern. Fragen, ob alles in Ordnung ist."
Jeder nahm ein Kind an die Hand und wir verließen hastig den Bungalow. Als wir durch die Reihen der Ferienbungalows gingen, sah alles aus wie immer. Mit dem Unterschied, dass selbst die Bank, auf der Tag für Tag ein ältere Italiener vor seinem Bungalow gesessen hatte, leer war. Es war vollkommen still. Nicht einmal die Vögel, die noch am Morgen so laut gezwitschert hatten, dass ich aufgewacht war, waren zu hören.
„Was, wenn niemand mehr da ist?", fragte Emmi. „Wenn die Schranke zu ist? Dann kommen wir nicht einmal mehr raus."
„Da ist sicher jemand da."
„Vielleicht sind die alle in einem Bunker. Und wir haben es verpasst."
„Jetzt reg dich nicht auf, Emmi. Es wird schon einen rationalen Grund geben."
„Aber du siehst ja, dass keiner mehr da ist. Keiner!"
„Doch, Mama!" Der Kleine deutete zur Rezeption. Ein Junge, kaum erwachsen, stand davor und rauchte. Er schaute uns nervös an.
„Können wir telefonieren?"
Der Junge antwortete etwas auf Italienisch. Dann auf Spanisch.
„You speak English?", fragte ich. Er schüttelte den Kopf.
Er wiederholte den Satz, den er gerade gesagt hatte. Ich schaute Emmi an. „Chiusa heißt geschlossen, oder? Aber was ist scoppio?"
Der Junge wiederholte langsam den Satz, und das Einzige, was ich verstand, war „scoppio".
„Was heißt costringe a chiudere? Die machen dicht, oder?"
Der Junge zuckte die Schultern, nahm die Zigarette aus dem Mund und zerdrückte sie auf dem Boden. Er seufzte, drehte sich um und ging ins Gebäude.
„Lass uns fahren", sagte Emmi. Ich nickte.
Eine halbe Stunde später stand unser vollgepacktes Auto an der Schranke. Das Büro war leer. Der Junge war nicht mehr zu sehen. Die Schranke war zu. „Hup!“, forderte mich Emmi auf.
„Hup!“, rief sie und drückte eigenhändig auf die Hupe. Wir warteten. Auf einmal ging die Schranke auf. Unser Auto rollte aus der Einfahrt hinaus. „Hast du eigentlich bezahlt?“, fragte ich.
„Ist doch sowieso egal“, sagte Emmi. Sie schaltete das Radio ein. Wir bogen links Richtung Autobahn ab. Die Straße war leer. Das Radio rauschte auf allen Sendern. Wir fuhren nach Hause.
Ende

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Tina (Freitag, 05 Juni 2026 11:59)
Lieber Autor,
Meiner Meinung nach schreit die Geschichte nach einer Fortsetzung!