Nach dem totalen Zusammenbruch des Deutschen Reichs 1945 lagen Deutschland und Europa in Trümmern. In Trümmern lag auch das, was von der jungen Demokratie der Weimarer Republik noch übrig war. Egal, ob in Berlin oder auf dem Land, in Kirchanschöring. 13 Jahre faschistische Herrschaft mussten politisch aufgearbeitet werden. Im Dorf wusste natürlich jeder ganz genau, wer politisch auf welcher Seite gestanden hatte und dennoch musste ein gemeinsamer Neuanfang her.
Politischer Neuanfang im Gasthof Felber
Aus diesem Grund setzten sich am 22. März 1946 im Gasthof Felber 15 politisch interessierte Kirchanschöringer zusammen, um über die Neugründung einer Partei zu diskutieren. Mit dabei waren unter anderem der Sohn vom Altbürgermeister, Sebastian Straßer Junior und Josef Birner, der Großvater des heutigen Bürgermeisters Hans-Jörg Birner. Alle 15 beschlossen, einen Ortsverein der SPD zu gründen. „Der einzigen Partei deren Name unbesudelt geblieben ist“, wie Gründer Sebastian Straßer betonte.
Sebastian Straßer war seit seinem Studium am Technikum Rosenheim in den frühen 1920er Jahren überzeugter Sozialdemokrat. Er gehörte auch bis zum Jahr 1933 dem Gemeinderat Kirchanschöring an. Als Sozialdemokrat musste er dieses Amt nach der Machtergreifung der Nazis niederlegen. Seine ranghohe Tätigkeit als Werksmeister bei der Firma Geiger, die später als kriegswichtig eingestuft wurde, bewahrte ihn während der NS-Zeit vor Drangsalierungen. Straßer betonte bei der Neugründung, dass die Mitglieder der SPD sich trotz Bedrohung und Verfolgung in den langen Jahren der Demütigungen durch die Naziherrschaft nicht gebeugt hätten. Beinahe wäre Straßer auch der erste SPD Bürgermeister im Dorf geworden. Um ganze zwei Stimmen unterlag er 1948 Johann Stöckl. In der überwiegend katholischen Bevölkerung überwog dann doch die Skepsis vor einem Sozialdemokraten als Bürgermeister.
Das Kirchanschöringer Dreikönigstreffen

1954 fand ein erstes Mal das bis heute jährlich in Kirchanschöring stattfindende „Dreikönigstreffen“ statt, bei dem unzählige prominente SPD Politiker sich den Fragen der Bevölkerung stellten. Unter ihnen der heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der ehemalige Juso Vorsitzende Kevin Kühnert oder Franz Müntefering.
Ein treuer Wegbegleiter des Ortsvereins und häufiger Redner beim Dreikönigstreffen war der Laufener SPD-Politiker Hans Bals. Bals, der als Kriegsversehrter aus dem Zweiten Weltkrieg heimkehrte, gehörte 1945 zu den Wiederbegründern der SPD in Oberbayern und prägte die politische Arbeit im damaligen Landkreis Laufen maßgeblich. Von 1953 bis 1969 vertrat er die Region als Abgeordneter im Deutschen Bundestag. Eine besondere Ehre verband ihn mit Sebastian Straßer: Beide wurden im Jahr 1954 in die Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten berufen. Bals war über Jahrzehnte hinweg Stammgast in Kirchanschöring und trug wesentlich dazu bei, das Dreikönigstreffen als überregionale politische Instanz zu festigen.
Josef Felder: Ein Mahner für die Demokratie
Einer aus heutiger Sicht interessantesten Gastredner in Kirchanschöring war 1962 der Reichstagsabgeordnete und Widerstandskämpfer Josef Felder. Nach dem Krieg schlug Felder in Bad Reichenhall ein prägendes Kapitel auf, nachdem er dort im Mai 1946 die Lizenz zur Herausgabe des „Südost-Kuriers“ erhielt. Er leitete die Zeitung als Chefredakteur bis Ende 1954 und sah die freie Presse als einen „Bagger“, der den geistigen Schutt der NS-Ideologie abtragen müsse. Besonders brisant war sein Einsatz im Sommer 1951 für die Sprengung der verbliebenen Hitler-Bauten am Obersalzberg, um einen erneuten Führerkult zu verhindern. Dafür wurde er von Teilen der konservativen Bevölkerung als „Erfüllungsgehilfe der Amerikaner“ angefeindet. Schließlich stellte das Blatt den Betrieb ein, da die ländliche Leserschaft vermehrt zu den alten Heimatzeitungen mit mehr Lokalkolorit zurückkehrte.
Felder stammte aus einer Augsburger Kaufmannsfamilie und war während der Weimarer Republik als Journalist tätig. Als SPD-Politiker war er Stadtrat in Augsburg und seit 1932 Abgeordneter im Reichstag in Berlin. Er war einer der 94 SPD Abgeordneten, die 1933 den Mut hatten, gegen das Ermächtigungsgesetz der Nationalsozialisten zu stimmen.
Josef Felder trat zeit seines 100-jährigen Lebens als Redner auf und wurde nicht müde, auf die Gefahren der rechtsextremen Parteien hinzuweisen und in seiner ganz persönlichen Geschichte darüber zu berichten, wie schnell damals die Demokratie ausgehebelt wurde und welche schrecklichen Konsequenzen dies für andersdenkende Menschen wie ihn hatte. Auch bei seiner Rede in Kirchanschöring erzählte er von der schicksalhaften Abstimmung des Reichstages. Die Situation in Bayern und im Deutschen Reich war hochexplosiv. Nach den Reichstagswahlen war es zuletzt nicht mehr gelungen, funktionierende Koalitionen zu bilden. Zehntausende Bauern hatten im sogenannten „Bauernaufstand von 1929“ empört und wütend gegen die Regierung in Berlin demonstriert. Und die offen demokratiefeindliche und rassistische Partei der NSDAP feierte mit jeder Wahl bedrohliche Stimmenzuwächse. Mit dem Mut der Verzweiflung führte der damals 32-jährige junge Sozialdemokrat Wahlkampf gegen Hitler und war enttäuscht, dass seine These „Hitler bedeutet Krieg“ keine einhellige Zustimmung fand. „So schlimm werde es schon nicht werden“, war besonders im Bürgertum die einhellige Meinung. In seiner Biographie verweist Felder auf eine Rede von Kurt Schumacher worin er gegen Goebbels und die Nazis sagte, ihnen sei ein erstes Mal in der Geschichte der deutschen Politik „die restlose Mobilisierung der menschlichen Dummheit“ gelungen. Die tatsächliche Tragweite der politischen Wirren der letzten freien Wahl der Weimarer Republik, Ende 1932, war selbst Felder damals nicht bewusst. Er gehörte zu den mutigen SPD Abgeordneten, die eingekesselt von SS und SA dennoch als einzige Fraktion am 24. März 1933 gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt hatten.
Nach dieser Abstimmung galt er als vogelfrei und flüchtete zunächst nach Österreich. Auch dort war er nicht mehr sicher und kehrte über den Umweg Tschechoslowakei nach Deutschland zurück. Dort wurde er verhaftet und war von 1934-1936 im Konzentrationslager Dachau inhaftiert.
Ein bleibendes Erbe für Kirchanschöring
Das Jahr 1962 in dem Josef Felder in Kirchanschöring von der historischen, lebensbedrohlichen Abstimmung im Reichstag erzählen konnte, war für Sebastian Straßer eine Zäsur. Der Lokalpolitiker, der im Kreisrat aktiv war und dessen politischer Höhepunkt die Delegation zur Bundesversammlung 1954 bei der Wahl des Bundespräsidenten Theodor Heuss war, erlitt einen Schlaganfall von dem er sich nicht mehr erholte.
Sebastian Straßer verstarb 1969. Die von ihm mitgegründete SPD Kirchanschöring ist bis heute eine lebendige Partei und auch das Dreikönigstreffen ist fast 70 Jahre nach Gründung eine feste Größe im politischen Jahreskalender.

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