Weihnachten ohne WLAN

Gibt es wahre Weihnachtsstimmung in der modernen Bildschirmwelt? Weihnachtliche Kurzgeschichte über drei Teenager, einem überforderten Vater und einem Heiligabend, der völlig anders verläuft als geplant.

Diese lustige Weihnachtsgeschichte zum Vorlesen eignet sich perfekt für Familienabende, Adventsfeiern oder einfach für einen gemütlichen Moment vor dem Christbaum. Humorvoll, warmherzig und überraschend aktuell erzählt sie davon, wie aus Chaos plötzlich echte Weihnachtsmagie entsteht – ganz ohne WLAN.

Die schönste Zeit des Jahres ist die Weihnachtszeit. Außer man hat drei Kinder. Drei Jungen. Das dachte sich Jahr für Jahr mit Beginn der besinnlichen Zeit Bastian Berger, glücklich verheiratet, Vater von drei Kindern (14, 13 und 10 Jahre alt). Heiligabend war in seinem Leben ein einziger Alptraum. Und das Besinnlichste am Fest war, wenn spät nachts, wenn seine Kinder endlich im Bett waren (niemand würde behaupten, dass sie dort friedlich schliefen) und sein Puls bei „Stirb Langsam 2“ endlich langsamer wurde. Weihnachten, das war in Bastian Bergers Heiligabend-Alltag ein hektisches Aufreißen von Geschenkpapier. Ein darauf folgendes befriedigtes „Na endlich!“, nicht selten aber auch ein entsetztes „Hä? Was soll das denn?“, wenn das Heilige Christkind, auch bekannt als Frau Berger, die wie eh und je mit großem Selbstbewusstsein geschriebenen Wunschzettel ihrer Söhne nicht entziffern konnte oder wollte. Sicher wie das Amen in der Kirche war der darauffolgende Streit der jungen Teenager, wer das bessere Geschenk bekommen hatte, wer das vermeintlich beste Geschenk eher verdient hätte, gefolgt von basarähnlichen Tauschangeboten, die nicht einmal ansatzweise weihnachtliche Demut und Dankbarkeit zu heucheln versuchten. Den Rest von Heiligabend starrten sechs Teenageraugen, die anders als zu Bastian Bergers Kindheit nicht mehr quadratisch, sondern im 16:9-Format waren, hypnotisiert auf diverse Bildschirme. Entgegen besseren Wissens schlug der Familienvater – die warnend hochgezogene Augenbraue seiner Frau ignorierend – bereits vor Jahren den Wunsch des Ältesten nicht aus, die Bildschirmzeit an Heiligabend ausnahmsweise nicht zu begrenzen. Und so wie nach zweitausend Jahren der Ursprung so mancher Weihnachtstradition unmöglich noch herzuleiten ist, fügte man sich auch in der Familie Berger jener bald unumkehrlichen Tradition, dass erst ein, dann zwei, nun drei Kinder Heiligabend ihre strahlenden Kinderaugen von bläulichem Licht beleuchten ließen.


Die Bücher von Bernhard Straßer kannst Du hier bestellen: Klick hier.


Auch heuer raufte sich Bastian Berger beim Studieren der weihnachtlichen Wunschzettel die Haare. Er meinte sich vage zu erinnern, dass er im Teenageralter einmal sogar „Liebes Christkind, ich wünsche mir dieses Jahr außer dem Weltfrieden nichts“ auf den Wunschzettel geschrieben hatte. Seine Kinder wünschten sich „Playstation 5“, „Switch 2“, „Fortnite (für Switch 2)“ und alle Harry Potters. Kurz huschte ein Lächeln über Bastian Bergers Gesicht. Dann las er „Blu-ray Extended Version (nur, wenn das mit der Playstation 5 klappt)“. Er schüttelte den Kopf. Die Kinder haben Amazon Prime, Netflix und Disney+. Da werden sie wohl doch mal ein Buch lesen können, dachte er. Und erinnerte sich wehmütig an die längst vergangenen Heiligabende. Als drei Kinder, kaum die ersten Worte und Sätze mühsam errungen, in herzerwärmend hellen Stimmen „Ihr Kinderlein kommet“ sangen. Später, als die ersten schiefen Blockflötentöne den Weihnachtsabend versüßten. Er dachte an drei Dreikäsehochs, die noch bis tief in die Nacht unter dem Christbaum Legosets aufbauten. Und dann fielen ihm wieder diese drei hochgeschossenen Jungen ein, die letztes Jahr mit Kopfhörern im Ohr auf der Couch gesessen hatten und jeder für sich online das jeweils angesagte Videospiel gegen seine Klassenkameraden spielte. Und später, als Bastian Berger seine Familie aufforderte, doch gemeinsam „Weihnachten bei den Hoppenstedts“ anzuschauen, die Kinder dankend ablehnten, weil irgendein YouTuber live seine Geschenke auf TikTok auspackte.

Wann hatte Heiligabend eigentlich aufgehört, weihnachtlich zu sein?, fragte er sich.

Vier Kerzen auf dem Adventskranz lang schwor sich Bastian Berger, dieses Jahr standhaft zu sein und den Kindern Pyjamas, Socken oder tatsächlich Bücher zu schenken. Wenige Tage vor Heiligabend besann er sich doch noch und gab den hochheiligen Wünschen seiner Kinder nach. Er bestellte Last Minute auf Amazon wenigstens die zweitteuersten Videospielwünsche. Er zweifelte aufrichtig daran, ob die Jungs die Energie aufbrächten, für die selbst gestrickten Pullover, die seine Frau in wochenlanger Handarbeit angefertigt hatte, die notwendige Begeisterung zu heucheln, wenn sich unterm Baum nicht wenigstens einer der begehrten Weihnachtswünsche befand.

Dann kam es, wie es kommen musste. Es schneite ausgerechnet in der Nacht vor Heiligabend so stark, dass am nächsten Tag chaotische Zustände auf den Straßen der gesamten Region den Verkehr zum Erliegen brachten. Jedenfalls schafften es weder der Briefträger noch der Amazon-Transportwagen in die äußeren Stadtviertel, und kurz nach Ladenschluss hatte Bastian Berger die Gewissheit: Die bestellten Geschenke würden nicht mehr ankommen. „Macht nichts“, dachte er sich. Die gewünschten Videospiele könne er die Kinder ja am Abend auch digital downloaden lassen.“

Dachte er. Aber Weihnachten wäre nicht Weihnachten, wenn nicht alles anders laufen würde, als es sich die Menschen eigentlich ausgemalt hatten. Während Frau Berger – genauso wie alle Jahre wieder – in der Küche stand und ein herrliches Weihnachtsmahl zubereitete, das meist aber vom Großteil der minderjährigen Großfamilie ignoriert oder nur am Rand wahrgenommen wurde, schmückte Bastian Berger mit den Kindern den Baum. Besser gesagt, mit allen Kindern, die freiwillig mithalfen. Also alleine.

Die Kinder verkürzten sich das langweilige Warten darauf, bis endlich das Christkind kam, damit, die nur einmal jährlich stattfindende Aufhebung der Bildschirmzeit bis zur Ohnmacht auszureizen und alle YouTube-Videos des Jahres, die sie bis heute verpasst hatten, noch anzuschauen.

Da klingelte es ganz ungewohnt an der Türe. Kurz hielt Bastian Berger es nicht für völlig ausgeschlossen, dass tatsächlich das Christkind oder ein anderes Weihnachtswunder in Form des Amazon-Mannes doch noch an der Türe stand. Und es stand tatsächlich ein Weihnachtswunder an der Haustüre. Aber ein so ganz anderes als erwartet.

Es war ein Mann von der Telekom, der so ganz und gar unweihnachtlich aussah und etwas gehetzt erklärte, dass es wegen des vielen Schnees am Morgen bei den Bauarbeiten nebenan ein kleines Malheur gegeben habe. Das Glasfaserkabel sei stark beschädigt. Und um es zeitnah zu reparieren, müsse man den Internetzugang im gesamten Viertel ab 18:00 Uhr für die gesamte Nacht drosseln. „Drosseln?“ – „Naja, eigentlich abschalten“, präzisierte der Mann. Und wünschte: „Frohe Weihnachten noch.“

„Wer war es denn?“, fragte Frau Berger und klapperte mit den Töpfen. „Ach, das war nur das Christkind. Es richtet schöne Grüße aus.“

Frau Berger kämpfte gerade mit der Mehlschwitze. „Dann bestell schöne Grüße zurück!“, rief sie aus der Küche.

Bastian Berger stand kurz ratlos und verblüfft im Flur. „Weihnachten ohne WLAN“, murmelte er. Und lächelte.

Mit Einbruch der Dunkelheit versammelte sich Familie Berger um den Weihnachtsbaum. Bastian Berger beobachtete seine Söhne, wie deren Augen die Geschenke unter dem Baum scannten. Mutter Berger verlas die Weihnachtsgeschichte. Dann sangen sie gemeinsam „Stille Nacht“. Bastian Berger zu tief, Mutter Berger zu hoch, die Kinder vereinzelt ihre jeweiligen Lieblingspassagen in unterschiedlichsten Tonlagen.

Dann stürzten sich die drei auf die Geschenke. Fetzten Paket um Paket auf und tauschten immer düster werdende Blicke aus. Bücher, Socken, Strickpullover. „Wo sind unsere echten Geschenke, Mann?!“, schrie der Jüngste irgendwann empört auf. „Das sind eure Geschenke, meine Liebsten“, sagte Frau Berger. Und erntete finstere, ganz und gar unweihnachtliche Blicke. Alle drei pfefferten nahezu synchron ihre Pullover unter den Baum zurück, setzten sich in Reih und Glied auf die Couch und zückten ihre Smartphones. Sie verstopften ihre Ohren mit ihren Kopfhörerknöpfen, und als die Bildschirme aufleuchteten, blitzte auch kurz auf den Gesichtern der drei jungen Menschen ein kleines Lächeln auf. Bastian Berger blickte auf die Uhr. „Kurz vor sechs. Zeit zum Essen!“ – „Du kannst dir dein Essen sonstwohin!“, murmelte der Mittlere und daddelte auf seinem Handy.

„Warum lässt du dir das gefallen? Und warum lächelst du so?“, fragte Frau Berger. Er reichte ihr nur die Hand und führte sie zum festlich gedeckten Tisch. „Weil wir heute Abend einmal gemeinsam essen werden.“

„Träum weiter!“, sagte sie, und beide setzten sich.

Als die Wohnzimmeruhr 18 Uhr schlug, begannen drei junge Teenager gleichzeitig zu fluchen. „Hä!“, schrie der eine. „Was soll denn das?!“, der zweite. „Papa, warst du das?!“, der dritte.

Alle tippten verwirrt auf ihren Handys herum.

„Was ist denn, Kinder?“, fragte die Mutter.

„Das WLAN ist kaputt!“

Sie warfen die Handys beiseite und schalteten den Fernseher ein. Aber auch das Streaming funktionierte nicht.

„Papa! Nichts geht mehr! Was machen wir denn jetzt?“

„Wir feiern Weihnachten!“, antwortete Bastian Berger und wies auf die weihnachtlich dekorierte Tafel. „Ich habe mir nämlich dieses Jahr gewünscht, dass ein Weihnachten lang das WLAN nicht mehr geht.“

Ein Abendessen lang holten die Berger-Brüder noch hoffnungsvoll das Handy aus der Tasche, um zu checken, ob das WLAN doch noch zurückgekehrt war.

Nach dem Essen saßen alle fünf eine Weile unsicher, beinahe peinlich berührt am Tisch, und niemand wusste, was er sagen sollte.

Es war Mama Berger, die schließlich die Initiative ergriff. Sie holte eine kleine Schachtel hervor und sammelte die Smartphones aller Familienmitglieder ein. „Das ist ja nicht mehr auszuhalten mit euch!“ Dann verstaute sie die Kiste in der Speisekammer. Als sie zurückkehrte, starrten sie eisige Blicke an. „Jetzt schaut nicht so traurig!“, schimpfte sie. „Früher gab es auch kein WLAN und Weihnachten war trotzdem eine einzige Enttäuschung für große Kinder. Die brauchten noch nie Internet, um den Eltern Weihnachten zu versauen. Aber wisst ihr, was wir Kinder früher gemacht haben? Wir haben die Spiele nicht online, sondern gemeinsam an Ort und Stelle gespielt!“

Und schon kramte sie aus dem Wohnzimmerschrank einen Stapel Gesellschaftsspiele heraus. „Och, Mama!“, protestierten die Brüder halbherzig.

Eine Stunde später saß die gesamte Familie in ihren selbst gestrickten Weihnachtspullovern am Tisch und spielte „Die Siedler von Catan“. Eine weitere Stunde später saßen sie schon zu zehnt am Tisch, weil einige der Freunde in der Nachbarschaft – da ja keine WhatsApp verschickt werden konnten – persönlich vorbeischauten, um „Frohe Weihnachten“ zu wünschen.

Sie verbrachten eines der fröhlichsten Weihnachtsfeste, an das sich alle Beteiligten jemals erinnern konnten. Zusammen hatten sie so einen Spaß, dass keiner bemerkte, dass noch vor zehn Uhr ein weiteres Weihnachtswunder gelang: Die Telekom hatte den Internetzugang für das Viertel viel früher repariert als geplant. Aber niemand der Weihnachtsgesellschaft bemerkte es. Und selbst wenn – alle waren so vertieft in das gemeinsame Spiel, dass niemand das Bedürfnis empfand, Nachrichten zu checken oder sich mit kurzen Videos abzulenken.

Am Ende des Abends gingen alle noch einmal nach draußen auf die Straße. Es hatte erneut zu schneien begonnen, und der Neuschnee lag weich im Laternenlicht des Viertels.

„Vielleicht sollten wir ab jetzt jedes Jahr Weihnachten ohne WLAN feiern“, murmelte Bastian Berger. Alle Kinder nickten und stimmten ihm zu.

„Ja“, sagte sogar der Jüngste. „Dann wünsche ich mir nächstes Jahr definitiv eine Mobilfunkkarte zu Weihnachten!“

 

Ende

Weihnachten ohne WLAN zum Downloaden:

Download
Weihnachten ohne WLAN
Kurzgeschichte über Weihnachten zum Vorlesen: Lustige, moderne Weihnachtsgeschichte über Familie, WLAN-Ausfall und echte Weihnachtsmomente – ideal für Advent und Heiligabend.
Weihnachten ohne WLAN.pdf
Adobe Acrobat Dokument 413.3 KB

Diese Weihnachtsgeschichten könnten dir auch gefallen:

Lass einen KOmmentar da und teile die Weihnachtsgeschichte!

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Marie (Dienstag, 16 Dezember 2025 20:46)

    Ich finde die Geschichte ist schön