Tag 8 im Zirkus Corona - Wir haben aufgegeben

Die größte Erkenntnis dieser Zeit lieferte um 2 Uhr nachts Loni: Wir hörten seine Stimme aus dem Kinderzimmer. Es war eine sehr unzufriedene Stimme. Er grummelte irgendetwas Unverständliches. Wir lauschten in die Stille. Auf einmal hörten wir es klar und deutlich. Er schrie empört: „Die Nacht ist so langweilig!“

Wie soll das nur weitergehen, wenn jetzt also schon die Nächte langweilig sind? Die Tage haben wir gut genutzt. Jeden Vormittag hat die Mama drei Stunden lang mit den Kindern gelernt und die Hausaufgaben gemacht. Abends, als die Kinder im Bett waren, drehten wir das nächste Yoga Dahoam Online-Video. Stefan Kohler war so nett, mir einen Teil seiner Ausrüstung auszuleihen, damit wir nun durchstarten können. Die Kamera läuft bereits seit zehn Minuten, als das Telefon laut und schrill klingelt. Amateurfehler! Die Kamera läuft weiter, damit der Yoga-Flow nicht unterbrochen wird. Vielleicht hört man es im Film ja nicht. Zweiter Amateurfehler. Währenddessen suche ich das Telefon. Wo ist es nur? Als ich es endlich gefunden habe, hat es aufgehört. Der Kameramann kehrt zurück ins Studio. Kaum bin ich oben, klingelt es erneut. Das darf doch nicht wahr sein! Es ist der Opa. Ihm ist auch langweilig. Irgendwie ist allen langweilig, nur mir nicht. Ich sage ihm, er könne ja die bereits Online gestellten Videos anschauen und solle Yoga machen. Er lacht und legt auf.

Wir drehen weiter. Auf einmal hört man ein ohrenbetäubendes Knallen, gefolgt von Kindergeschrei. Was ist denn jetzt los? Ich renne nach unten. Die Kinder, die vor einer halben Stunde noch im Kinderzimmer 1 waren, sind nun im Kinderzimmer 2. „Was ist passiert?“ „Loni ist vom Bett runtergefallen!“ Loni schluchzt und schluchzt und hört gar nicht mehr auf. „Ich kann nie wieder in einem Hochbett schlafen!“ weint er. „Kann ich ab jetzt für immer in eurem Bett schlafen?“ Ich lege ihn ins Elternschlafzimmer. Er schluchzt und kann sich gar nicht mehr beruhigen. Ich plane gedanklich, wie ich das Stockbett ebenerdig umbauen kann.

Als wir nach zwei Stunden Dreharbeiten das Ergebnis anschauen, betrachten wir ein Video, in dem Telefone klingeln, Kinder aus dem Bett fallen und auch ein raffinierter Schnitt nichts mehr ausrichten kann. Morgen also neuer Versuch.

Seit gestern weiß Bastian sogar, wer „Söder“ ist.

„Wer ist denn Söder?“, fragt er.

„Wenn er so weiter macht, unser nächster Bundeskanzler“, murmle ich.

„Mögen wir den Söder?“

„Eigentlich nicht, aber zur Zeit macht er gute Arbeit“, muss ich zugeben. Gestern also die neuen Ausgangs-Verschärfungen. Wie schwer es ist zu erkennen, was richtig und was falsch ist, erkennt man an dem Nebensatz, dass man natürlich rausgehen dürfe, wenn man den Abstand zu anderen Menschen einhielte und sich nicht in Gruppen aufhalte. Unser Familienspaziergang in den Wald fühlte sich trotzdem komisch und irgendwie falsch an. Besonders, weil ich ja letztens erst über meine Freunde geschimpft hatte, die gemeinsam Bergwandern gingen. Vermutlich waren sie ja so vernünftig und haben den Corona-Abstand voneinander streng eingehalten.

Ein weiteres Tabu-Thema über das keiner redet: Müssen wir als Familie auch zwei Meter Abstand voneinander halten? Klar scheint, das ist in einer Familie unmöglich.

Den Kindern geht es soweit den Umständen entsprechend gut. Sie haben nun seit einer Woche ihre Freunde nicht mehr gesehen. Am meisten schmerzt sie allerdings, dass sie Oma und Opa nicht mehr sehen dürfen. Uns Erwachsenen trifft das Social Distancing nicht ganz so hart. Wir dürfen bzw. müssen weiterhin in die Arbeit und können uns dort wenigstens mit den Kollegen austauschen. Die Agentur für Arbeit ist als systemrelevant eingestuft worden und alle helfen mit, die Abteilungen die derzeit am Rotieren sind, zu unterstützen. Die Lagebesprechungen mit den Kolleginnen und Kollegen verlaufen nicht ohne Situationskomik, da sich wegen des Sicherheitsabstands ein Kreis gebildet wird, der mit jedem Kollegen der es nicht mehr allein im Büro aushält, größer und größer wird.

Das Einkaufen wird immer gespenstischer und macht inzwischen auch gar keinen Spaß mehr. Ich habe die ersten Menschen mit Schutzmasken im Edeka gesehen. An der Kasse halten die ersten den Sicherheitsabstand von eineinhalb Meter ein. Manche auch gleich drei Meter. Sicher ist sicher. Die Verkäufer/innen sind am Limit. Der Namberger Toni erzählt, dass er nun zusätzliche Helfer braucht und sich sogar eine Ärztin, die nicht mehr nach Salzburg kann, freiwillig zum Helfen gemeldet hat. Was ist das für eine Zeit, in der Ärzte mithelfen müssen, damit die Deutschen weiter Klopapier kaufen können?

 

Ach ja, ich habe ja angedeutet, dass wir gestern aufgegeben haben. Beim Einkauf merkte ich, dass es für einen Veganer immer schwieriger wird, die teils exotischen, schwierig zu findenden Zutaten der Rezepte einzukaufen. Nicht, wenn man rasch rein und rasch wieder raus will. Diesen Luxus können wir uns wohl nicht mehr lange leisten. Nach vier Wochen haben wir gestern also aufgegeben und beschlossen, dass wir uns nicht mehr ganz so streng vegan ernähren wollen. Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Ein kleiner Grund war auch, dass wir abends die regionale Gastronomie stärken wollten. Wir nutzten das Liefer-Angebot vom Pasta Arte und ließen uns Antipasti und Nudeln nach Hause liefern. Und – naja, es war einerseits göttlich. Und andererseits halt nicht vegan. Und wenn etwas so göttlich schmeckt, wäre es eine Sünde, es nicht zu essen. Wir tauschten einen Blick aus, grinsten, streuten den Parmesan über die Nudeln und begannen das Festmahl. Veganer können wir ja auch nach der Krise wieder werden!

Hoffe, es geht Euch gut!Bleibt daheim, haltet Abstand und bleibt's gesund!

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