Das Corona-Tagebuch Tag 12 - Halloween-Grusel und Treats

Die große Frage, ob sich die Deutschen zwei Tage vor dem Lockdown bereits ins Private zurückziehen werden, haben wir für uns beantwortet. Wir waren beim Friseur, beim Stadtbummel, im Wiggerl, beim Wertstoffhof und am Abend sind die Halloween-Kinder auch noch durch die Nachbarschaft gezogen. Natürlich waren wir nicht die einzigen. Wenn schon wir, eigentlich Befürworter von Maßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus, so gesellig unterwegs sind, wie soll das diesmal nur funktionieren?

Bevor uns die Nachbarn denunzieren, natürlich noch der Hinweis: Wir haben uns natürlich an alle AHA-Regeln gehalten und alle Aktivitäten waren an der frischen Luft. Und – da das Internet auch gestern noch empörte Posts teilte: Die Story, dass Söder dazu aufgerufen hat, Nachbarn die sich nicht an die Corona-Regeln halten, anzuzeigen, ist schlicht falsch. Sie zeigt aber, was viele Menschen unserem Ministerpräsident inzwischen zutrauen und wie emotional aufgeladen die Lage ist.

Wer eine Lewandowski-Frisur will, muss leiden!
Wer eine Lewandowski-Frisur will, muss leiden!

Trotzdem war gestern ein nahezu perfekter Tag. Da meine Haare inzwischen fast so lang sind wie im Frühjahr am Ende des Lockdowns, haben wir drei Männer einen Friseurtermin ausgemacht. Natürlich, die Friseure werden zwar aufgrund ihrer Systemrelevanz offen bleiben, aber sicher ist sicher. Für unseren Leo ist der Friseurbesuch auch unter normalen Umständen ein Horrortrip. Diesmal muss er auch noch ein erstes Mal Maske tragen. „Ich kriege keine Luft!“, war tatsächlich sein erster Satz. Es lag aber wohl an der Anfangsaufregung. Denn die restliche Zeit hörte man diesbezüglich keine Beschwerden mehr. Obwohl mehrere Friseurinnen zur Verfügung standen, waren sich die Jungs einig, dass sie nur zu Stella wollten. Leo schwankte noch, ob er heute eine „Rocker-Frisur“ oder eine „Lewandowski-Frisur“ haben wollte. Er entschied sich für Lewandowski. Dann ging es los. Mit angsterfülltem Blick musste der sonst so tapfere Leo die Folter aus Haarewaschen und Haareschneiden über sich ergehen lassen. Währenddessen plauderte ich mit meiner Friseurin über das Chaos bezüglich der Branchen, die in den Lockdown müssen. Wir einigten uns kurz, dass alle systemrelevanten Betriebe weiter öffnen dürften. Aber so ganz gab auch das keinen Sinn. Diese Erkenntnis, dass es in erster Linie Kultur, HoGa und Sport sind, die ihren Beruf nicht mehr ausüben dürfen, während so ziemlich alle anderen weitermachen dürfen, wird wohl lange für viel Unmut sorgen.

Während die Mama das Geld, das sie für einen Damen-Haarschnitt gebraucht hätte, lieber zum Juwelier Pechermeier transportierte, bummelten drei große und kleine Männer stolz durch die Stadt und präsentierten ihre neuen Kurzhaarschnitte. In der Lourdes-Kapelle wollten wir eine Kerze anzünden. Da wir zu wenig Geld dabei hatten, drückte eine nette Dame den Jungs Münzen in die Hand. Es schadet halt nicht, wenn man in einer Situation wie dieser in der Marien-Kapelle ein paar Kerzen anzündet. 

Mit der idealen Ausrede, dass wir ja im Lockdown keine Möglichkeit mehr hätten, Geld auszugeben, ließen wir es auch danach so richtig krachen. Die Mama bildete sich ein, dass alle richtig coolen Hipsterfamilien mit ihren wohlerzogenen Kinder immer im Wiggerl speisten. Das wollte sie schon immer machen. Sie selber wohnt ja quasi seit einiger Zeit im Wiggerl. Wir saßen also in der Herbstsonne unter einer Linde, deren Blätter gemächlich auf die Tische herabsegelten, im Gastgarten vom Wiggerl. Mit einer faszinierenden Begeisterung drängte die Mama die Kinder dazu, die in der Tat exquisiten Speisen im Wiggerl zu lieben. Es klappte. Ob ich allerdings (aus finanziellen Gründen) davon begeistert bin, dass ihr Plan, die ganze Familie anzufixen, aufgegangen ist, bin ich mir nicht so sicher. Am liebsten würden wir alle morgen gleich wieder hingehen. Aber glücklicherweise ist jetzt erstmal Lockdown und auch das Wiggerl macht zwei Wochen zu. Bis dahin bleiben wir also wieder unseren anderen Lieblingen Lindl und Festung treu, die ab nächster Woche wieder auf Straßenverkauf setzen (müssen).

Was macht man sonst noch kurz vor dem Lockdown? Haareschneiden – check. Gastronomie stärken – check. Ach ja, Hecken schneiden! Also auch das noch erledigen und eine Fuhre zum Schaumaier. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass so ziemlich die halbe Siedlung dieselbe Idee hatte.

 

Hallo, Corona! Gibt’s dich überhaupt noch? Ich schau mal nach. Da es keine neuen Zahlen für Traunstein und BGL gibt, macht vermutlich auch die Pandemie am Wochenende Pause. Das RKI meldet irgendwas von 19000. Moment, ich schau kurz auf Facebook – Nein… Da schimpfen sie alle nur über die Regierung und loben die Schweden. Puh, Glück gehabt. Dann ist ja alles in Ordnung.

Also feiern auch wir noch schnell so richtig Halloween (unter Einhaltung der Aha-Regeln). Die Mama hat gegrillte Blätterteig Mumien zubereitet. Als Nachspeise gab es blutige Augäpfel in gelbem Eiter. Die Vampirfamilie saß gemeinsam beim Ekel-Dinner und es fühlte sich kurz an wie beim Dschungelcamp. „Das Dschungelcamp ist übrigens auch abgesagt“, bemerkte sie. „Ja, daran merkt man, wie ernst es wirklich ist!“, entgegnete ich augenzwinkernd.

Halloween 2020 verlief also so, dass wir in der Nachbarschaftsgruppe anfragten, bei wem man überall klingeln dürfe. Da nur eine Familie in Quarantäne war, besuchten wir zunächst die anderen Kinder. Im Gegenzug klingelten diese später dann bei uns. Wie bescheiden unsere Kinder sind, zeigten sie gleich beim ersten Haus, als sie nicht nur jeweils 1 Süßigkeit, sondern jeder zwei Handvoll Süßigkeiten nahmen. „Aber dann haben wir für die anderen Kinder nichts mehr!“ 

Ich überlege gerade, ob ich als Fazit mehr über den Grusel oder die schönen Treats schreiben sollte. Denn, ehrlich gesagt, war es – Corona hin oder her – ein wirklich schöner Tag . Vielleicht war es aber auch die Ruhe vor dem Sturm. Bald werden wir es wissen.

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