Das Corona-Tagebuch: Lockdown und Videospiele

Den ersten Lockdown hatten wir noch hochmotiviert gestartet, indem wir den alten N64 aus dem Keller holten und die Kinder ein wenig Super Mario Kart spielten. Der zweite ist zwar ein "Lockdown Light", dennoch hat sich in Sachen Videospiele die Situation verschärft. Der Große darf inzwischen - er geht immerhin in die dritte Klasse - auf der Playstation Minecraft spielen. Gestern drückte ich dann in einem gedankenlosen Moment auch dem Kleinen den PS4-Controller in die Hand. Jetzt haben wir den Salat.
Viele Jahre lang war es mir gelungen, den Kindern vorzugaukeln, dass man auf der Playstation nur Netflix schauen kann und dass man zum Videospielen nur einen Controller (und keinen Bildschirm) braucht. Wie schön waren noch die Zeiten, als es den Kindern genügte, den Controller in der Hand zu halten, lustige Geräusche zu machen und die Videospiele in der kostenlosen Kopfkonsole zu genießen. Der Dammbruch begann, als ich versehentlich dem Großen versprach, dass er Minecraft spielen dürfe, wenn er das erste Buch fertig gelesen hätte. Irgendwann - ich hatte das Versprechen längst vergessen, kam er Abends runter gelaufen, schwenkte "Die drei ??? und die Schmugglerinsel" in der Hand und rief, er dürfe jetzt Minecraft spielen. Auch nach einer intensiven Abfrage bezüglich des Inhalt ließ sich nicht das Gegenteil beweisen und ich musste einknicken. Entweder er hatte das Buch tatsächlich gelesen.  Oder das Kind war schlau genug, mir eine komplette Storyline improvisiert vorzugaukeln. So oder so, er hatte sein erstes "richtiges" Videospiel verdient. 
Seitdem läuft also Minecraft regelmäßig auf der Playstation. Da ich selbst ab der dritten Klasse Erfahrungen mit Videospielen gemacht hatte (1986, C-64er Summer Games II), dachte ich mir erst nichts. Erst als ich, wie bereits erwähnt, dem Kleinen den Controller in die Hand drückte, wurde mir klar, dass ich etwas Wichtiges übersehen hatte: Auch das Vorschulkind würde nun zwangsweise mit Konsolen in Berührung kommen. Gestern redete ich es mir noch schön und mir ein, dass das ja keine so große Sache sei, wenn der Kleine ein wenig Minecraft gespielt hatte. Bis er heute früh um 6 Uhr strahlend in unser Bett sprang und sein erster Satz dieses Tages war: "Ich durfte gestern zum ersten Mal Minecraft spielen!"
Ob die Bildschirmzeiten unserer Kinder exponentiell steigen würden, da sie in Traunstein die Schulen schließen, das war die große Frage der letzten Tage. Die Zahlen sind zuletzt explodiert. Die 400er Marke ist längst durchbrochen. Traunstein steht in der 7-Tages-Inzidenzmarke sogar auf Platz 1 in Deutschland. Landrat Walch musste reagieren. Er entschied tatsächlich auf Schulschließung. Allerdings mit einigen Ausnahmen. Wir hatten Glück. Die Grundschulen sind weiterhin geöffnet. 
Einige Schüler/innen, besonders diese, die ohnehin schulische Rückstände haben, oder bei denen es um einen Schul-Übertritt geht, hat die erneute Schulschließung hart getroffen. Positiv ausgedrückt: Aktuell sind wir um jede Klasse dankbar, die Normalbetrieb hat.
Warum das alles notwendig wurde? Die Inzidenzzahl liegt aktuell bei 420. (50 im Krankenhaus, 10 auf Intensiv) Nur zum Vergleich: Die Berchtesgadener, die vor vier Wochen in den harten Lockdown gegangen waren, liegen inzwischen bei 137. So sehr wir uns damals über den Lockdown und die Schulschließungen geärgert hatten - scheinbar haben die Maßnahmen gewirkt.
Über die Sinnhaftigkeit von Maßnahmen kann und soll man leidenschaftlich diskutieren. Wir haben uns heute nichts geschenkt, als wir über Söders Entscheidung bezüglich der Fitness-Center diskutierten.
Die Fitnessstudios hatten sich einen Tag lang gefreut, dass ein Gericht entschieden hatte, dass deren Schließung unverhältnismäßig war, weil ja auch in den Hallen Mitglieder aus zwei Hausständen gemeinsam Sport betreiben können. Anstatt die Fitnessstudios nun zu öffnen, entschied Söder aber, dass nun zusätzlich der komplette Hallensport verboten wird.
Dazu kann man zwei Sichtweisen haben:
- König Söder flippt nun völlig aus und statuiert an allen Indoor-Sport Betreibenden ein Exempel. Er gießt Öl ins Feuer des Unmuts in der Bevölkerung und sorgt dafür, dass nun endgültig die Leute das Gefühl haben, von der Regierung verarscht zu werden.
Oder:
- Da sie einen kompletten Lockdown verhindern will, hat die Regierung zahlreiche Ausnahmen genehmigt. Aufgrund des Richterurteils war nun klar, dass zur Gleichbehandlung nun der komplette Indoor-Sport geschlossen werden musste. Eine Öffnung der Fitnessstudios käme bei der aktuellen Infektionslage nicht in Frage. Zudem hätte es bei folgenden Klagen eine Kettenreaktion gegeben und aus dem Lockdown Light wäre der Lockdown verschwunden.
Wer hat also Recht? Kommt darauf an, was man erreichen will. Zur Pandemiebekämpfung war die Entscheidung konsequent. Aber die Nebenwirkungen, die Akzeptanz der Maßnahmen in der Bevölkerung, die leidet nun noch mehr. 
Diskutieren können wir darüber in der Tat leidenschaftlich. Aber es bleibt dabei, dass jeder von uns, der nicht in Entscheidungspositionen sitzt, dankbar sein muss, diese nicht treffen zu müssen. Denn sicher ist nur eines: Für irgendeine Bevölkerungsgruppe wird die Entscheidung fatal sein.
Aber stopp, ich politisiere schon wieder zu viel.
Eigentlich wollte ich doch noch erzählen, wie die Minecraft-Geschichte ausging:
Heute holte ich den Kleinen vom Kindergarten ab. Ich hoffte immer noch ein wenig, dass er die kleine Playstation-Episode längst wieder vergessen hatte. Aber dann drückte er mir stolz ein Bild in die Hand, das er heute gemalt hatte:

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