Frieden!

Stellt’s euch vor, es ist Krise und keiner macht mit. Ich hab‘ beispielsweise bei der Finanzkrise 2008 nicht mitgemacht. Damals hatte ich noch keine Familie und man konnte abends noch richtig gut furtgehen. Finanzkrise hatte mich nicht so interessiert, weil ich sowieso ständig pleite war. Statt Brennpunkt zu schauen, saß ich meist in irgendeiner Wirtschaft. Die war zwar in Folge der Finanzkrise auch betroffen, aber zum Glück nicht meine Stammwirtschaft. 

Viele Krisen musste meine glückliche Generation bisher ohnehin nicht erleben. Den 11. September habe ich auch nicht mitbekommen, weil ich gerade umzog und weder Fernseher noch Handy hatte. Seit ein paar Jahren geht es gefühlt aber Schlag auf Schlag. Erst kamen die Flüchtlinge, dann die Pandemie. Und als reichte das alles nicht, haben wir jetzt alle bisherigen Krisen gleichzeitig. Und darüber hinaus auch noch Krieg.

Der ist zwar nicht direkt bei uns in Bayern. Aber irgendwie schon, irgendwie ist etwas anders. Letztens habe ich mit dem Edeka-Verkäufer erbittert gestritten, ob wir Pressefreiheit haben. Dabei wollt ich nur die Zeitung kaufen. Auf Sätze wie: „Schau mal, wie schön gelb heute der Himmel ist“, kommen auf einmal Antworten wie: „Ja, furchtbar, gell? Der Irlmaier hat’s vorausgesagt, dass so die Welt untergeht!“ Die Menschen sind seltsam dünnhäutig geworden. Auch meine Frau wittert seit Neuestem eine verborgene Provokation, wenn ich in der Früh „Guten Morgen!“ sage. Eine große Gereiztheit hat sich wie ein großer gelber Schleier über unser schönes Land gelegt.

Gereiztheit führt zu Missverständnissen, diese werden zu Streit. Und Streit ist das allerletzte, was wir gerade brauchen. Der Bayer an sich ist ja ein friedliches Wesen. Er wagt höchstens mal den Aufstand, wenn, wie 1844, die Bierpreise stark erhöht werden. Da ist es wenig hilfreich, wenn der Blick auf die Getränkekarte in der Wirtschaft bald ähnliche Schnappatmung auslöst, wie der auf die Benzinpreise.

 

Deshalb würde ich am liebsten den nächstbesten schütteln und anschreien: „Jetzt kommt’s alle mal wieder runter! Beruhigt’s euch!“ Grund, gereizt zu sein und uns gegenseitig anzupflaumen, haben wir genug. Bei so vielen Krisen gleichzeitig ist es gar nicht mehr so leicht, nicht mitzumachen. Also einmal tief durchatmen, ein kühles Bier aufmachen, kurz den Augenblick genießen und sich nicht mehr aufregen. Denn die gefährlichste aller Krisen können wir zumindest im Kleinen bekämpfen. Was gut gegen Krieg hilft ist: Frieden! Der ist zwar nicht leicht, aber es kann jeder einzelne mitmachen. Frei nach dem Motto „Stellt euch vor, es ist Krieg (oder Krise) und keiner macht mit!

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