Als Fan von “Herr der Ringe” freue ich mich jedes Jahr ganz narrisch auf die Adventszeit. Nicht nur, weil wir uns an den Feiertagen traditionell die Zeit nehmen, um alle drei Teile der Verfilmung in der Extended Version am Stück anzuschauen.
Nein, nein - so viel Zeit haben wir gar nicht mehr, seitdem die Kinder da sind. Wobei, die schauen ja inzwischen selber mit. Nein, es ist dieses Gefühl der absoluten Anspannung vor einer großen Schlacht gegen Orks und andere grausige Wesen, das ich so nur in der Adventszeit verspüre. Wer einmal auf einem der Krampusläufe gewesen ist, der weiß was ich meine. Selbstverständlich haben wir unseren spanischen Austauschschüler zuletzt auf einen Krampuslauf mitgenommen. Ich erklärte ihm, dass die garstig-unheimlichen Gestalten ursprünglich einmal - nein, nicht Sauron dienten, sondern den Winter vertreiben sollten. Seit keltisch-germanischer Vorzeit liefen die Menschen rund um die Rauhnächte mit gruseligen Masken verkleidet durch die Siedlungen, um die bösen Geister zu vertreiben. Ab der Christianisierung wurden die Bräuche katholisch gemacht. Aus den Perchten wurde der Krampus, der bekanntlich den Heiligen Nikolaus begleitet. So jedenfalls versuchte ich unseren Spanier auf das vorzubereiten, was gleich folgen würde. Was er dann sah, erinnerte dann aber tatsächlich eher einem “Herr der Ringe” Festspiel denn uralter Alpentradition. Zu dem Gitarrengewitter von Rammstein-Songs und dem Schwefelgeruch von Pyro-Technik schlichen, tanzten und liefen die unterschiedlichsten Passen durch die Straßen. Da waren neben traditionellen Perchten und Krampussen aber auch Hexen, Orks und ähnliche Fantasiewesen. Allesamt fantastisch anzuschauen. Ein großes Spektakel für jung und alt. Laut, stinkend, ein wenig furchterregend. Definitiv sehr eindrucksvoll. Natürlich hatten viele der Kramperl auch ihre Ruten dabei und setzten diese zur Züchtigung derjenigen ein, die nicht brav gewesen waren. Allerdings hatten sie offensichtlich keinen Einblick ins Goldene Buch des NIkolaus, weil sie meine Kinder ignorierten. Anders als früher war es aber nicht der große Heilige aus Myra, der seinerseits die Krampusse ermahnte, wenn sie übers Ziel hinausschossen. Es waren die gelbe Sicherheitswesten tragenden Ordner, die schützend (für beide Seiten) eingriffen, wenn es zu wild wurde. Nach dem Spektakel waren meine Jungs allesamt begeistert. Trotz meiner Erläuterung vor dem Krampuslauf fragte mich unser Spanier nach dem Erlebten: “Was soll das?” Und da ich ihm keine so rechte Antwort geben konnte, ohne die Worte “Unterhaltung” und “Kommerz” zu verwenden, ahnte ich, dass ich den Abend wohl nur mit leichten Bauchschmerzen unter “Kultur” und “Bildungsauftrag” verbuchen konnte.

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