Ich bin ja quasi ein studierter Diplom-Pädagoge. Immerhin habe ich meine Frau damals mehrmals im Studium besucht und ihre Diplomarbeit gegengelesen. Deshalb tue ich jetzt einfach so, als wäre ich befugt, an dieser Stelle pädagogisch wertvolle Erziehungstipps zu geben.
Zuletzt hat bei uns nämlich die goldene Dreifaltigkeit der schwarzen Pädagogik “Drohen, Täuschen und Bestechen" relativ gut funktioniert. Wobei das Drohen und Täuschen ja meistens dasselbe ist. Und nach über zehn Jahren haben unsere Kinder längst gecheckt, dass Eltern wie wir zwar sehr gerne massive Drohungen aussprechen, diese aber selten umsetzen. Drohungen wie “Dann reduziere ich die Handy-Zeit” gehen meist sowieso fehl, weil junge Teenager gewieft genug sind, stets Wege zu finden, Smartphone-Embargos zu umgehen. Man kann zwar die Straße von Hormus sperren, aber uns ist es bisher nicht gelungen, ein tatsächliches Handyzeit-Embargo durchzusetzen. Manchmal ahne ich, wie sich Trump fühlen muss. Der droht übrigens auch recht viel und letztendlich stellt sich heraus, dass alles eher eine Täuschung war. Karl Valentin soll übrigens gesagt haben, dass man Kinder eh nicht erziehen kann. Weil die einem sowieso alles nachmachen. Bleibt also als letzte erzieherische Methode die Bestechung. Als Schriftsteller-Papa bin ich tatsächlich ein wenig enttäuscht, dass meine Kinder mir eines eben nicht nachmachen und bisher keine nennenswerte Liebe zu Literatur entwickelt haben und nur über Fußball reden. Also habe ich ihnen ein Bayern-Trikot versprochen, wenn jeder von ihnen ein Buch liest. Und zwar kein Comic und kein Gregs Tagebuch und kein “100 Jahre FC Bayern”. Trotz der Belohnung war der Widerstand zunächst sehr groß. Doch dann ging unser Plan auf. Am Strand in Italien, zu Hause im Bett bis Ein Uhr Morgens sah man unsere Jungs auf einmal in ihre Romane vertieft. Am Ende lasen sie sogar freiwillig und erzählten danach begeistert (oder verstört), was im Buch gerade alles passiert war. Wochenlang ließen wir unsere Kinder lesen. Und waren so stolz. Und dann haben wir doch einmal in die Lesestuben geschaut. Und ein Schlachtfeld vorgefunden. Es war, als hätten die Jungs beschlossen, sämtliche Energie ausschließlich in die geistige Bildung zu investieren. Überall stapelte sich Wäsche. Auf den Schreibtischen lag Staub in archäologisch interessanten Schichten. In Schubladen fanden wir Brotzeitteller, deren Inhalt vermutlich bereits ein eigenes Ökosystem entwickelt hatte. Eine vertrocknete Salami sah aus, als stamme sie aus der Römerzeit. Die Leseratten hatten die ohnehin schon mangelhafte Ordnung ihrer Kinderzimmer gänzlich den Heinzelmännchen überlassen. Also musste ich wieder drohen, täuschen, bestechen. Und als das nichts half, hab ich das einfach der Mama überlassen. Die hat Pädagogik tatsächlich studiert und weiß besser, wie das geht. Die Bayerntrikots musste ich dennoch bestellen.

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