Ein Mann am Abgrund, Kokablätter im Gepäck und eine fatale Obsession für New Yorks Glühwürmchen. Diese Erzählung verwebt messerscharfe Selbstreflexion mit biologischer Grausamkeit zu einem atmosphärischen Trip zwischen bayerischer Provinz und Manhattan – bis hin zu einem Ende, das man nicht vergisst.
Der Fireflyguy vom Central Park
In den Tagen, nachdem seine Frau die Koffer gepackt hatte, begann Christian Jonas, Kokapflanzen zu kauen. Ein befreundeter Anwalt und Hobbybotaniker, der in seiner Freizeit mit der Zucht in seinem Gewächshaus experimentierte, hatte ihm die Pflanzen als Dank für einen Gefallen überlassen. Es waren nur wenige Tage, an denen man ihn meist kauend und spuckend antraf. Er verlor kein schlechtes Wort über die offensichtliche Situation, die sich in kürzester Zeit in der Kleinstadt herumgesprochen hatte. Seine wenigen Gesprächspartner, die ihm in diesen Tagen mehr oder weniger freiwillig begegneten, schilderten ihn als messerscharfen, äußerst reflektierten Zeitgenossen. Man sah ihm den seelischen Kummer nur äußerlich an; alle beschrieben unisono eine Person, die eher mit sich im Reinen war, statt mit den Schicksalsereignissen zu hadern. Er verbrachte die Tage – so waren sich manche sicher – damit, seine Gedanken zu sortieren und Schlüsse aus dem Vergangenen für die nähere Zukunft zu ziehen. Einig waren sich jedoch alle, dass sein überstürzter Aufbruch auch mit dem zur Neige gehenden Vorrat an Kokablättern zu tun hatte, die er in einer Bauchtasche aufbewahrte und überallhin mit sich trug.
Ohne sich von den wenigen verbliebenen Freunden, die sich nicht von ihm distanziert hatten, zu verabschieden, bestieg er den Zug nach München. Er hatte lediglich einen Bordkabinen-Rucksack und seine zuletzt charakteristisch gewordene Bauchtasche dabei. Die Letzten, die ihn am Bahnhof gesehen hatten, waren sich uneins, ob er am Bahnsteig noch gekaut hatte.
Die folgenden Stunden lassen sich zwar recht gut rekonstruieren, jedoch wird das Rätsel, ob sein Entschluss spontan gefasst oder sorgfältig geplant war, vorerst ungelöst bleiben. Es hält sich jedoch hartnäckig das Gerücht, dass er zum Flughafen gefahren sei, ohne ein eigentliches Ziel zu haben. Menschen, die ihm nahestanden, waren sich sicher, dass er den Zufall entscheiden ließ und den erstbesten verfügbaren Flug gebucht hatte. Andere gaben zu Protokoll, nicht er, sondern die Kokapflanzen hätten New York gewählt. Vermutlich trugen beide Ansichten einen Funken Wahrheit in sich.
Jonas kam am Folgetag in New York an und nahm sich ein Zimmer in der Nähe des Times Square. Seine Tage in New York lassen sich anhand der Berichte einiger deutscher Touristen, die ihm begegnet waren, recht gut rekonstruieren – und natürlich anhand des Journals, das bis heute im Internet nachzulesen ist. In dem ausführlichen Textmaterial geht es in erster Linie um Naturbeschreibungen, einen hin- und herspringenden Gedankenstrom voller Selbstreflexionen und Aphorismen. Und natürlich um die Bilder, die er auf Instagram hochgeladen hatte. Zu den Vorwürfen oder zu seinem Standpunkt bezüglich der vergangenen Ereignisse äußerte er sich nicht.
Die Tage verbrachte er in einem sich wiederholenden Muster. Er stand um sieben Uhr morgens auf – am ersten Tag sogar um sechs Uhr, was wohl dem Jetlag geschuldet war. Jonas verließ danach das Hotel, um sich an einem der Breakfast Carts einen Becher Kaffee „Regular Black“ und einen Blueberry-Muffin zu holen. Danach saß er bis in den späten Vormittag im Bryant Park, wo er schrieb oder eines der Bücher aus dem öffentlichen Bücherschrank las. Eine Touristenfamilie aus Ingolstadt, mit der er sich länger unterhalten hatte, war sich sicher, dass er den Roman „Tomorrow, and Tomorrow, and Tomorrow“ las. Jedenfalls meinten sie, die Hokusai-Welle auf dem Buchcover erkannt zu haben. Jonas erzählte, dass er Künstler sei und an einem Projekt arbeite, wollte dieses jedoch nicht näher umschreiben. Die Familie beschrieb ihn als humorvoll, etwas melancholisch und wehmütig. Aber auch sie nutzten die Umschreibung „mit sich selbst im Reinen“. Jonas befragte sie intensiv dazu, was ihnen in Manhattan am besten gefallen habe; womöglich machte er sich dazu Notizen.
Anschließend schien Jonas bis zum späten Nachmittag eine Art Liste abzuarbeiten. Er besuchte die gängigen Sehenswürdigkeiten. Die Liste deckte sich überwiegend mit jener der Familie aus Ingolstadt – bis auf den Flugzeugträger, wie der Vater betonte, obwohl er diesen ausdrücklich empfohlen hatte. Die wenigen Bilder vom World Trade Center, dem Fearless Girl vor der Wall Street und der Freiheitsstatue blieben jedoch so austauschbar, dass letztendlich nicht einmal klar war, ob er selbst dort gewesen war oder ob ihm jemand anderes diese Fotos geschickt hatte.
Ab dem späten Nachmittag spazierte er durch den Central Park – in einer auffällig langsamen Geschwindigkeit. Langsamer als die Jogger und die anderen Spaziergänger, die sich dem Manhattan-Tempo anpassten. Er flanierte die Wege entlang, stand teils minutenlang vor dem Teich, ohne etwas Bestimmtes anzublicken, oder saß auf einem der Felsvorsprünge und beobachtete die Eichhörnchen. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit begann er mit seiner eigentlichen Tätigkeit, die ihn bald unter dem Spitznamen „Fireflyguy“ bekannt machte. Er hockte teils stundenlang vor einem Busch gebeugt und filmte etwas mit seinem Smartphone. Für Außenstehende sah es so aus, als sei er einer der üblichen Verrückten der Stadt, der einfach Büsche filmte. Doch Jonas teilte Neugierigen bereitwillig mit, dass er Glühwürmchen aufnehme. Erst bei genauerem Hinsehen konnten Passanten, deren Blick nicht auf die kleinen Käfer geschult war, erkennen, dass auf den Blättern tatsächlich Glühwürmchen krabbelten. Erst in den Makro-Aufnahmen der Videos, die Jonas als Reels postete, konnte man das stetige Aufglühen der Hinterleibe erkennen.
Die Aufnahmen zeigten die Glühwürmchen überwiegend während des Paarungsaktes. Kritiker bezeichneten die Videos als geschmacklose Relativierung der unausgeräumten Vorwürfe. Andere nannten sie schlicht schön. Einen der bekannteren Texte jener Tage begann er mit den Worten: „Ich wusste nichts über Glühwürmchen.“ Darin ließ er einen Mann, der vielleicht er selbst war – wahrscheinlich aber nicht –, davon erzählen, was Glühwürmchen in seinem Leben bedeuteten. Der Mann beschrieb die alljährliche Wehmut zur Sommersonnenwende, wenn das Licht nach seinem Höhepunkt kippte und er bereits das Ende des Sommers fühlte, noch ehe dieser richtig begonnen hatte. Bis er begriff, dass nach der Sonnenwende die Zeit der Glühwürmchen anbrach. Fortan tauschte er seine Wehmut über das beginnende Ende des Sommers gegen die Vorfreude auf die Glühwürmchen-Nächte ein und verschob den Kipppunkt der „Summertime Sadness“, wie sie in der Popmusik genannt wurde, um einige Wochen nach hinten.
Der Text beinhaltete zudem technische Erklärungen über das Paarungsverhalten und die chemischen Vorgänge beim Aufleuchten der Organe. Er beschrieb in nahezu liebevoller Form die Schönheit der Tiere und die Gefühle, die sie beim Beobachter auslösten. Der Glühwürmchen-Liebhaber im Text durchstreifte stundenlang die Stadt auf der Suche nach Leuchtkäfern. Hatte er welche entdeckt, stand er oft staunend in der Dunkelheit und beobachtete sie beim Leuchten und Paaren. Der stellenweise sehr poetisch verfasste Text endete mit den knapp ausgeführten biologischen Fakten, dass die Larven hochspezialisierte Fleischfresser seien, die Schnecken mit einem Giftbiss betäubten und auffraßen. Nach der Entpuppung fressen die erwachsenen Käfer so gut wie nichts mehr; sie existieren einzig zur Fortpflanzung. Glühwürmchen, so schloss der Text, enthalten Lucibufagine und sind somit giftig. Sie schmecken extrem bitter, weshalb ihr Leuchten auch als Warnsignal zu verstehen sei. Zudem gebe es Weibchen der Gattung Photuris, welche die Signale anderer Arten imitierten, um die Männchen anzulocken – und sie dann zu fressen.
Der „Fireflyguy“ wurde sieben Abende lang im Central Park gesehen. Diejenigen, die ihm begegneten, waren sich einig, dass man sich den „Glühwürmchentyp“ als einen glücklichen Menschen vorstellen musste. Er richtete den gesamten Abend konzentriert sein Smartphone auf die Blätter. Wenn ihm einer der Schaulustigen zu nahe kam oder ein Glühwürmchen verscheuchte, wies er ihn freundlich, aber bestimmt in seine Schranken.
Das Ticket für das Gebäude, das aus rechtlichen Gründen nicht näher genannt werden darf, hatte Jonas bereits an seinem ersten Tag in New York gebucht. Ob er bereits an diesem Tag alles geplant hatte oder ob seine Entscheidung durch die in Deutschland aufflammenden Diskussionen beeinflusst wurde, wird ein Rätsel bleiben. Christian Jonas äußerte sich bis zum Schluss nicht zu den Vorwürfen.
Der 16. Juli war ein warmer Abend. Die Sonne war gerade hinter den Häusern von New Jersey verschwunden. In den Parks unten begannen die Käfer zu leuchten. Jonas betrat die Aussichtsplattform. Er bewegte sich langsam und suchte sich eine Stelle, an der der Wind nicht zu stark drückte. Er nahm die Flasche mit dem Benzin aus seinem Rucksack. Es roch scharf und sauber. Er goss es sich über die Schultern und auf seine Hose. Das Benzin fühlte sich kalt auf seiner Haut an.
Er suchte sein Feuerzeug und fand es in der Bauchtasche. Als er daran schnupperte, roch es noch nach den Blättern, die er darin aufbewahrt hatte. Er zündete es an. Es gab ein kurzes, helles Geräusch, als die Flammen aufloderten. Dann kletterte er auf die Brüstung. Augenzeugen beschrieben, dass er für einen Moment wie ein kleiner, hell leuchtender Punkt aussah, der den Himmel hinab schwebte. Er wurde immer schneller und verglühte langsam, nachdem er auf dem Boden aufgeschlagen war.
Ende

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