Zwischen Chagall und Champagner: Eine letzte Nacht über den Dächern von New York. Was passiert, wenn die Erfüllung eines langgehegten Traums plötzlich bitter schmeckt? Begleiten Sie zwei ungleiche Freunde auf einer melancholischen Reise durch die schillernde Leere Manhattans – von den Docks der Staten Island Ferry bis hinauf in die exklusivsten Rooftop-Bars von SoHo. Eine Geschichte über das Davonlaufen und das Fremdsein in der eigenen Sehnsucht.
Jojo interessierte sich nicht für Kunst. Er hörte mir zu, wenn ich ihm von Picasso und van Gogh erzählte. Aber als ich vor dem Chagall weinte, war ihm das peinlicher als mir. Wir spazierten danach schweigend die Fifth entlang und fuhren abends runter zu den Docks und warteten auf die Fähre. Die Sonne ging hinter der Statue unter und ich schaute den Menschen zu, wie sie aufgeregt über ihre Handybildschirme wischten. Auf der Rückfahrt war das gelbliche Rot des Himmels in kühles Blau gekippt und die Lichter in den Wolkenkratzern gingen an. Jojo fragte, ob dort wirklich noch Menschen arbeiteten und wer die Lichter anschaltete. Ich versuchte dankbar dafür zu sein, dass wir hier waren. Aber wie immer, wenn man viele Jahre sich an ein Ziel träumt, schmeckt das Erreichen bitterer als es sich im Traum noch angefühlt hat. Ich versuchte ein inneres Foto vom größten Wolkenkratzer zu machen an das ich mich noch erinnern würde, wenn es kein Speichermedium mehr gab, das alte Fotos wiedergeben konnte. Ich fragte Jojo, an was er dachte. Jojo fragte mich, welche wichtige Wahrheit ich kannte, der niemand zustimmte. Ich zeigte ihm den Mittelfinger. Ich sagte, dass ich überzeugt bin, dass 8 von 10 Menschen auf diesem Schiff vor etwas davonliefen. So wie 8 von 10 Menschen auf der Insel nicht rechts den Ausgang genommen hatten, sondern links abgebogen waren und mit der nächsten Fähre direkt wieder zurückfuhren. Jojo zuckte die Achseln, weil das natürlich keine Wahrheit war, der niemand zugestimmt hätte. Zumindest keiner von uns, da wir beide wussten, dass zwei von zwei vor etwas flüchteten .
Wir hatten drei von vier Tagen hinter uns und befanden uns in einer Zwischenwelt, in der wir die Stadt zu gut kannten, um noch Tagestouristen zu sein und doch zu sehr Gast, als um diese Uhrzeit noch jemanden anrufen zu können, der sofort ein Bier mit uns getrunken hätte. Ich kannte, ehrlich gesagt, keinen in der Stadt. Außer eine 90-jährige Dame, die vermutlich nicht einmal wusste, dass sie existierte, die aber ohne es zu wissen, mein Leben mehr geprägt hatte, als einige meiner besten Freunde. Oder Jojo. Oder das Möchtegern-Model, das links an der Reling stand und traurig feststellte, dass die Lichtverhältnisse nicht reichten, ohne Spiegereflex ein gutes Foto zu machen. Ich erzählte Jojo, dass sich vor Jahren einmal zwei mir bekannte Schriftsteller begegnet waren, es aber erst Wochen später bemerkten, als sie sich auf dem Fotomaterial gegenseitig entdeckten. Jojo erzählte, dass er früher einmal in der Stadt gewesen sei, damals kein Geld aber viele Freunde gehabt hätte und er es trotzdem gut fand, jetzt mit mir hier zu sein. Ich sagte, dass ich es bereute, als Teenager nicht hier gewesen zu sein, als ich die Chance gehabt hätte. Jojo hob die Augenbrauen, unterstrich einmal die Skyline mit einer ausladenden Handbewegung. Das hier ist jetzt, das ist live. Würdest du lieber daheim sitzen und dafür die Erinnerung haben, mit 17 schon einmal hier gewesen zu sein?
Das Schiff legte an und wir standen noch eine Weile unschlüssig herum. Jojo sagte er sei froh, dass er nicht mehr siebzehn sei, weil er jetzt wohin gehen wolle, wo man mit siebzehn gar nicht erst rein dürfe.
Ich stolperte ihm hinterher, wie ich immer Menschen hinterherstolperte, die ich interessant fand. Jemand hatte mich einmal gefragt, ob ich wirklich ich selbst sei, oder immer der, dessen Gesellschaft gerade gefragt war. Ich antwortete, ich hätte einen IQ von 105 und könne solche Fragen weder verstehen noch beantworten.
Jojo stieg zielstrebig an einer unbestimmten Metrostation aus und die Stadt spuckte uns in einem Viertel aus, in dem um diese Zeit keine Menschen mehr auf der Straße waren. Aber sie waren da. Man hörte sie, wenn man nach oben schaute. Und genau dort wollte Jojo hin. Ich hatte mit Jojo einmal einen Film angeschaut, in dem zwei alte Männer mit einer jungen Schönheit in einem Whirlpool saßen und über Lust und Vergänglichkeit sprachen. Aber an diesen Film dachte ich gar nicht, als wir in einem Aufzug nach oben fuhren. Er hieß genauso wie die Weinsorte, die wir am Vesuv immer getrunken hatten und in seinem anderen Film feierten sie auf einer Dachterrasse über dem Kolosseum. Dieses mondäne Leben war das, was Jojo bis aufs Mark aussaugen wollte. Und ich hatte nichts dagegen, wenn ich staunend danebenstand. Jojo drückte dem Türsteher ein paar Scheine in die Hand. Beide lachten und scherzten und es war mir nicht ersichtlich, ob Jojo Eintritt oder Bestechungsgeld gezahlt hatte. Es war mir auch egal. Denn wenn man dort ist, wo man schon immer sein wollte macht es keinen Unterschied mehr, ob man oben oder unten, drinnen oder draußen ist. Das ist natürlich gelogen. Denn als sich die Tür öffnete und wir auf der Dachterrasse mit dem Blick auf den großen Wolkenkratzer, den bläulich illuminierten Pool und die schönen, herausgeputzten Menschen standen, war alles andere nichts und unbedeutend. Ich zählte in Gedanken die letzten Scheine in meiner Geldbörse und ging den aktuellen Dispostand meiner Kreditkarte durch. Jojo verdiente netto nicht viel mehr als ich, aber an Orten wie diesen ein Vermögen auszugeben war in seinem Leben eine Berufskrankheit und in meinem Verschwendung. Oder Genuss. Dessen war ich mir noch immer nicht klar. Jojo stolzierte über Rooftopbars wie diese als gehörten sie ihm. Er durchschaute jeden einzelnen Menschen hier oben, egal ob er vor hinter der Bar stand. Diese wiederum sahen nur sein Geld und hatten keine Ahnung, ob er es vor oder hinter der Bar verdient hatte. „Sag mal, kann man eigentlich auch vor der Bar Geld verdienen?“, fragte ich Jojo und er lachte. Er bestellte einen Drink dessen Namen ich sofort wieder vergaß und ich nahm denselben.
Jojo unterhielt sich lange mit dem Barkeeper und ich bewunderte, wie er sich sofort mit allen und jedem an jedem Ort der Welt anfreunden konnte. Ich schaute zum großen Wolkenkratzer hinüber und hoffte, dass ich mein Cocktailglas nicht sofort die 18 Stockwerke hinunterfallen ließ.
Es war nicht der beste Cocktail meines Lebens. Den hatte ich einen Tag vorher in der Skybar des Vanderbilt Wolkenkratzers getrunken. Ich hatte den ganzen Tag kaum etwas gegessen und der Alkohol fuhr mir sofort in den präfrontalen Kortex und die Welt sah in 395 Metern Höhe so viel schöner aus als in meinem Traum. Ich war einmal in einem Hotel, das dem Chrysler Building nachgebildet war. Darüber dachte ich die ganze Zeit nach, dass es doch viel schöner gewesen wäre, wenn das Hotel wie das Empire State Building ausgesehen hätte.
„Ich muss mal aufs Klo“, sagte ich, als ich aufs Klo musste. Ich war froh, dass ich dem Pool, der Skyline und den anderen Gästen, die mich so komisch anschauten, endlich den Rücken kehren konnte. Ich hatte Jojo in einer Bar in wir von einem Affen bedient wurden erklärt, dass ich ein völlig durchschnittlicher Mensch sei. Einer, der in seiner durchschnittlichen Welt selbstbewusst den Alltag stemmt. Und immer wenn er auch nur indirekt in seine, also Jojos Welt stolperte, völlig außerhalb und losgelöst jeglicher Komfortzone in einem permanenten Stress wieder zum 17-jährigen Teenager wurde. „Hast Du nicht gesagt, dass du genau das wolltest?“, hatte Jojo entgegnet.
Da ich mich hier oben unter all den Gut betuchten und gut gebauten und top angezogenen Menschen nackt und wie ein in der Flasche schwimmender Korken fühlte, wollte ich keinen Fehler machen. Ich stellte mich in die Schlange an und beobachtete die anderen Menschen, was sie taten. Es gab ein Herren und eine Damen-Toilette analysierte ich. Und ich erkannte, dass die Tür zur Herrentoilette kaputt war, da sie offen stand. Also ging ich hinein und sah nichts, wie man sie schließen konnte. Und stellte mich vor die Schüssel, um zu pinkeln. Bis ich hinter mir mehrmals das F-Wort hörte und der Türsteher mich anschrie, ob ich völlig wahnsinnig sei und was in meinem kranken Hirn nur vor sich ginge. Er deutete auf die Schiebetüre, zog sie zu und ich wusste nun, dass die Tür doch nicht kaputt war.
Ich sperrte mich ein und schwor mir, die Toilette nie wieder zu verlassen. Als ich siebzehn war, war ich schon einmal in New York gewesen. Mein Flugzeug flog in 10000 Meter Höhe über Manhattan und ich erkannte viele Lichter, aber keine Stadt. Ich hatte damals bei einer Frau gelebt, die den Ehering ihres Mannes an die damals 60-jährige Frau in New York verkauft hatte, um sich ein neues Leben in den USA aufzubauen. Ich hätte die alte Frau, die am Central Park wohnte, gerne gefragt ob sie wusste, wie viele Leben sie veränderte, weil sie diesen Ehering kaufte. Und ob sie ihn wirklich gekauft oder ihrer Freundin heimlich wieder zugesteckt hatte. Aber ich wollte sie nicht besuchen weil ich ihr sonst hätte sagen müssen, dass ihre Freundin nicht mehr lange leben würde. Aber eigentlich war es sowieso egal, weil ich selber gerne tot gewesen wäre und hoffte, dass sie meine Leiche hier im Klo der Rooftopbar finden würden.
Aber ich war keine 17 mehr und entriegelte die Türe, die sich problemlos öffnen ließ und bedankte mich bei dem Toilettentürsteher, dass er mich vor noch größerer Peinlichkeit bewahrt hatte und steckte ihm einen 20 Dollar-Schein zu, wie es Jojo getan hätte. Danach waren wir Freunde und niemand würde je erfahren, dass man mich beinahe wegen öffentlichem Entblößens meines Hinterteils in SoHos exklusivster Rooftopbar verhaftet hätte.
Jojo saß mit leuchtenden Augen an einem Tisch und hantierte an einer Champagnerflasche die in einem Kübel mit Eis lag. „Scheiß dich nicht an, ich zahl die schon“, sagte er als er meinen Blick las. „Es ist leider nur Perrier-Jouët“, entschuldigte er sich. Ich nahm die Entschuldigung an.
Jetzt waren wir es, die die anderen Gäste anschauten und die sich Geschichten ausdachten, wer wir wohl waren. Sie alle warfen heimliche Blicke auf uns. Die zwei jungen Frauen mit ihren knappen Kleidchen die nur hier waren, um jemanden mit Geld aufzureißen und die sich ausgerechnet für die drei vulgären Banker entschieden hatten, die wahrscheinlich in Wirklichkeit Touristen aus Texas waren und die Frauen warfen uns Blicke zu und fragten sich, ob sie nicht einen großen Fehler gemacht hatten. Oder die Frau in dem silbernen Paillettenkleid, die in Begleitung eines älteren Millionärs war und so exaltiert tanzte, als gehöre sie zu den 80 Prozent hier oben, die vor etwas zu flüchten versuchten. Neben uns saß ein Mann mit türkischem Aussehen, der eine Baseballkappe war und offensichtlich unbeeindruckt war, dass Jojo das teuerste Getränk auf der Karte bestellt hatte. Er sagte, dass er selten hier her käme und lieber in der anderen Jimmy-Bar am Times Square trinke. Ich versuchte ihn mit Anekdoten vom Oktoberfest zu beeindrucken. Als ich das zweite Mal, diesmal ohne besondere Vorkommnisse, auf dem Klo war, war er weg, ohne sich von mir zu verabschieden.
Wir verabschiedeten uns von Manhattan bei Nacht. Im Fahrstuhl wusste ich, dass es das nun war. Unser Flugzeug könnte abstürzen, schöner würde es sowieso nicht werden. Ich fragte Jojo, was er jetzt noch machen würde und wenn es der letzte Wunsch seines Lebens wäre. „Ins Bett gehen“, sagte er. Dann ging es mit dem Fahrstuhl bergab.

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