Nach dem Zauberberg

Kurzgeschichte über Jonas, für den der 7. September ein Tag voller Geister ist. Zwischen dem Rausch in der Weinstube und der kühlen Stille der Weinberge sucht er nach Marie – und nach sich selbst. Doch am Morgen danach wirft ein Blick aus dem Fenster alles infrage. Eine Erzählung über die schmerzhafte Grenze zwischen Erinnerung und Gegenwart.

Am 7. September wäre sein ungeborenes Kind ein Jahr geworden. Seine Mutter wäre 65 und sein Vater 70. Jonas versuchte lange, sich die drei vorzustellen – wie sie heute ausgesehen hätten.

Als er am Zielbahnhof dem Zug entstieg, brannte eine spätsommerliche Sonne auf den bröckelnden Teer des Bahnsteigs. Ein Koffer rollte holpernd darüber, erst unschlüssig, schließlich bestimmt, einem zweiten entgegen. Er hatte Marie seit Jahren nicht gesehen. Genauso lange wie über den 7. September hatte er über sie nachgedacht; darüber, ob das, was sie damals in ihm gesehen hatte, noch dem entsprechen konnte, der er heute war.

Er gab einem unbeholfenen Versuch statt, sie zu küssen. Als sie ebenfalls Anstalten machte, musste er lachen. Er wusste, dass manche Dinge, die guten Dinge, sich nie ändern, weil sie ansonsten keine guten Dinge mehr wären.

Acht Stunden später tanzte Marie auf dem Tisch in der Weinstube des Bildungszentrums. Jonas winkte der Gastgeberin, sie solle weitere Schnäpse herbeischaffen. Er feuerte die Männer an, die er von früher kannte – von früher, als sie noch keine Schlipse über ihre Bäuche hängen hatten. Die Männer klatschten und brüllten Lieder, für die sie sich am nächsten Tag schämen würden.

Marie war das einzige der Mädchen, das auf dem Tisch tanzte. Sie war auch die einzige, die die anderen Frauen als „Muschis“ beschimpfte. Die Männer auch. Dann nötigte sie die Männer, mehr Schnaps zu trinken. Jonas beobachtete sie dabei und wusste, wohin das führte. Aber kurz bevor es dazu kam und noch ehe die Blicke der Männer glasiger und verlangender wurden, tanzte Marie nicht mehr auf dem Tisch. Sie war auch nicht auf dem Klo. Während von Ferne ihr Name durch die Hallen des Bildungszentrums hallte, schlich sie mit Jonas in ihr Zimmer im Kellergeschoss, holte Bier, und beide verschwanden durch den Hinterausgang.

„Halbzeit Bayern – Schalke“, sagte Jonas. Marie schüttelte den Kopf. „Fick deine sentimentalen Reminiszenzen, du verhirnter Vogel, und schwing deinen Arsch in die Gegenwart!“

Sie rannten zwischen den Ackerfurchen den Weinberg hinauf. Ein weißes Handylicht ließ die Schatten der Reben tanzen. Eine rauchige Männerstimme sang mit Maries Stimme von der Scheiß-Liebe und vom Leben, das einen mal kann. Marie riss Trauben von den Reben und sprang Querzeile für Querzeile den Hang hinauf. Sie kannte den Weg. Am höchsten Punkt zeigte sie auf die Lichter der Gipsfabrik und schrie, die sollen sich mit ihrem Gips den Hintern abwischen. Sie schrie sich in Rage und hörte erst auf, als Jonas’ Lachen in ein hysterisches Kichern umkippte.

Sie sah ihn vorwurfsvoll an. „Du Arsch textest mich seit Wochen zu, wie beschissen das Leben ist. Hörst du?“, schrie sie ihn an. „Na und? Wir werden alle sterben. Du. Deine Frau. Sogar ich. Aber wenn nur noch geflennt wird, kannst dich gleich erschießen. Verstehst du?“ Jonas wischte sich die Tränen aus den Augen. Er musste noch immer lachen und war nicht sicher, ob Maries Worte noch zur Show gehörten.

„Jonas Ettendorfer, jetzt reiß dich am Riemen. So jung kommen wir nicht mehr zusammen. Zwing mich nicht, noch mehr Floskeln zu dreschen, sonst muss ich schreien und kotzen gleichzeitig. Kapiert?“ Sie sah ihn an. „An dieser Stelle müssen wir uns jetzt küssen“, sagte sie bestimmt. Jonas musste wieder lachen. „Du Vollidiot. Du machst immer alles kaputt. Das war ernst gemeint!“ „Du sagst das jedes Mal, wenn wir hier sind.“ „Ich sag’s so lange, bis du es tust.“ „Und was ist mit Werner?“ Sie schwieg. „Ich tu’s dann, wenn es keinen Werner mehr gibt. Ich hab keinen Bock, ein Ersatz-Werner zu sein.“

Maries Augen flackerten. „Wage es nicht, seinen Namen auszusprechen, oder ich kratz dir die Augen aus. Der hat damit nichts zu tun.“ „Wie soll ich ihn dann nennen? Raubtiger? Mäusebussard? Rotmilan?“ „Das ist meine Romanfigur und nicht deine.“

Jonas spürte, wie die Wirkung des Schnapses und der frischen Luft nachließ. „Wikipedia sagt, dass der Rotmilan keine natürlichen Feinde hat“, sagte er. „Das stimmt nicht. Es gibt einen. Mich.“ „Und was willst du machen? Ihn abschießen? Die Federn rupfen? Kastrieren?“ „Wenn du willst.“ Sie warf einen wütenden Blick auf die Gipsfabrik. „Ach, fickt euch doch alle, scheiß Männerpack. Ihr habt sie doch nicht alle.“ „Und ich hör den ganzen Tag nur Rotmilan hier, Rotmilan da. Als ob der unter Artenschutz steht. Kann man dem Vogel nicht mal den Schnabel stopfen?“ Marie entfuhr ein glucksendes Kichern. „Stopfen ist gut. Vögeln und stopfen ist super!“ Sie lachte.

Jonas fühlte sich mit einem Mal nüchtern. Es war noch immer der 7. September. Er griff nach dem Bier und trank es in einem Zug leer. Erst jetzt merkte er, wie still es hier oben war. In der Ferne nur das rote Licht der Türme, das kurz aufleuchtete und wieder erlosch. Er dachte an das Buch, das er über diesen Moment geschrieben hatte, und fragte sich, ob er auch über diesen hier eines schreiben würde – ob es wieder über die Liebe sein würde oder über etwas anderes, Mächtigeres.

Als sie sich die Ackerkrumen von den Schuhen kratzten, war es lautlos im Bildungszentrum. Die Weinstube war verlassen, nur die Notausgangsbeleuchtung machte ein flirrendes Geräusch. „Willst du noch mitkommen?“, fragte sie, als sie die Tür aufschloss. Er hatte Kopfschmerzen, ihm schwindelte. Er wollte Nein sagen. Eine Blattspitze ihres Tattoos lugte unter ihrem Hemd hervor. Jonas zögerte. In Momenten wie diesen hatte er immer der Vernunft stattgegeben. Er blickte auf die Uhr. Es war immer noch der 7. September. Er wollte nicht allein sein.

Als der Wein und der Schnaps seinen Kopf gegen das Kissen pressten, richtete er sich auf. „Kannst du auch nicht schlafen?“, hörte er sie fragen. „Oder ist das ein unbeholfener Versuch, doch noch etwas Silvester in diese trübe Nacht zu bringen?“ „Mir ist nur schlecht.“ „Na klasse. Bist also nur in mein Bett gekrochen, damit du jemanden hast, der dir beim Kotzen das spärliche Haupthaar hält. Geht es?“ Jonas nickte. „Alles klar.“

Er blieb neben ihr liegen und lauschte in die Dunkelheit. Er spürte, dass sie ihn anschaute. „Hab ich dir je erzählt, dass ich immer dachte, ich bin der Rotmilan?“ Jonas erwartete ein Lachen, aber sie schwieg. Ihr Kissen raschelte, als hätte sie den Kopf geschüttelt. Oder genickt. „Es war erst eine Fantasie, dann eine Theorie, und irgendwann war ich überzeugt, dass du mir durch die Blume – also durch den Rotmilan – erzählt hast, was du für mich fühlst.“ Er war froh über die Dunkelheit. „Damals begann deine Affäre mit dem Rotmilan. Als ich mich nicht mehr meldete, herrschte auch zum Rotmilan Funkstille. Und als ich sagte, dass alles so bleiben soll, wie es ist, hast du ihn zum Teufel gejagt. Ich weiß, das ist irre, aber ich komme von dem Gedanken nicht los.“ Er drehte den Kopf zu ihr. „Jetzt sag schon was.“ Sie rührte sich nicht. Nur ihr gleichmäßiges Atmen war zu hören.

Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als er die erhofften Lippen auf seinen spürte. Es waren erst gierige Lippen, dann das Feuerwerk, das Aufbäumen, zuletzt entschuldigende Lippen, dann nur noch ein Hauchen, dann nur noch Erinnerung.

Als er aufwachte, hatte er Kopfschmerzen. Sie war weg. Die Laken zerwühlt. Auf dem Boden eine Spur seiner Kleidungsstücke bis zur Tür. Das Badlicht brannte. Etwas stimmte nicht mit diesem Zimmer. Er kam nicht drauf. Er ging ins Bad, klappte den Klodeckel hoch und setzte sich. Danach putzte er sich die Zähne. Das Pochen im Schädel wurde stärker. Er zog sich an und schrieb einige Worte auf den Notizzettel, der auf dem Tisch stand. Sie hatte den „Zauberberg“ auf dem Nachtkästchen liegen. Er lächelte. Sie las noch immer dieselben Bücher wie er.

Was ist nur mit diesem Zimmer? Er wusste, dass er es wusste, aber er kam nicht drauf. Jonas ging ans Fenster und zog am Rollo. Zentimeter für Zentimeter füllte Sonnenlicht den Raum, fräste der weiße Vorhang den Weinberg aus der Landschaft. Er sah nach unten. Verdammt, das Blut hämmerte gegen seine Schläfen. Maries Zimmer war im Kellergeschoss gewesen. Er schaute nach unten. Warum schaute er nach unten?

Er nahm die Notiz, überflog sie flüchtig, zerknüllte sie, öffnete das Fenster und warf sie hinaus.

 

Ende

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