Der Martinszug früher und heute

Es ist der 11. November, irgendwann Anfang der Achtziger Jahre. Die Kirchanschöringer Kindergartenkinder versammeln sich vor dem Lacknerhaus. In den Händen halten sie selbstgebastelte Laternen, in denen flackernd eine Kerze brennt. Das Wachs tropft mit jeder Bewegung auf den Laternenboden. Immer wieder geht eine Laterne aus.

Ob Albert Geierstanger schon damals mit seiner Ziach den Zug begleitete, alle Martinslieder so spielte wie den Ententanz oder die Polonaise, weiß ich nicht mehr. Aber ich weiß noch ganz genau, dass die "coolen" (das Wort kannten wir damals jedenfalls noch nicht) Vorschulkinder an das "Rabimmel Rabammel Rabumm" noch nicht ein rebellisches "Bumbum!" dranhängten. 

Dreißig Jahre später bin ich wieder auf einem Martinszug. Diesmal in Ettendorf. Der Martinszug der Lauterer Krippenkinder. Die Kinder sind winzige Stöpsel, die kaum die Laterne halten können und ich bezweifle, dass mein Sohn die superschöne Laterne wirklich selber gebastelt hat. Im Kopf singe ich immer noch "Rabimmel Rabammel Rabumm Bumbum!", sonst hat sich vieles verändert. 

Als ich mit einem Feuerzeug das Teelicht in der Laterne meines Kindes anzünde, schauen mich die anderen Eltern entsetzt an wie einen Rabenvater. Was habe ich jetzt schon wieder falsch gemacht? Der Kleine jauchzt "Äs bännt!" Und wedelt mit der Laterne. Wachs spritzt. So wie früher. Erst jetzt sehe ich, dass in den anderen Laternen gar keine Kerzen brennen, sondern LED Lichter. Eines blinkt sogar blau. Ich schäme mich. Wie kann ich mein Kind nur so einer Gefahr aussetzen? Die Erzieherin erzählt von brennenden Haaren im letzten Jahr. "...aber nur meine Liebe Laterne nicht!" Singen die Kinder. Wenigstens die, deren Sprachschatz die hundert Worte bereits geknackt haben. Unser Kind singt nur "...Stärnä....Lichd... Bumbum!" Egal, er hat Spaß. Die Augen leuchten wie das Licht in seiner Laterne.

Sein erster richtiger Martinszug! Er wird er noch tagelang an den von der Mama liebevoll gebackenen Gänsen kauen und mit vollem Mund singen: "Mahdi! Sagd Mahdi!"(siehe: St. Martin ritt durch Schnee und Wind…)

Schön war's trotzdem, den stolzen Kindern zuzuschauen, wie sie ihre LED Laternen zum Ettendorfer Kircherl trugen und sich dort das Schattenspiel anschauten: Wie der Scherenschnitt-Martin mit dem Schwer den Mantel zerteilte und ihn dem Bettler gab. 

Das Thema "Teilen" ist fortan beim Abendessen auch auf unserer Tagesordnung. Der junge Mann hält seit neuestem nämlich rein gar nichts mehr vom Teilen. Und wenn man von seinem Teller auch nur das kleinste Pommes stibitzt, schreit er empört: "Neeein! Basdians! Sbuckän" Übersetzung : "Lieber Papa, nimm dieses Pommes bitte nicht. Es gehört mir, zefix! Spuck es auf der Stelle wieder aus, Gruzenäsn!"

Mal schaun, ob das Beispiel des Sankt Martin da etwas ändert…

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