Zahnloses Schwitzen

Das Chaos ist ausgebrochen. Schon wieder. Ist das dann schon Normalität? Nein, immer noch keine Zähne da. Sebastian ist der einzige 12 monatige Junge, der sein Steak mit bloßer Leiste zerreißt, Leberkässemmeln ohne Mahlwerkzeug verschlingt und trotzdem höllisch schelmisch grinsen kann.

Andere Eltern sagen, wir sollen froh sein, dass wir noch kein tägliches Zahnputzdrama aufgeführt bekommen. Wieder andere setzen uns den Floh ins Ohr, dass dann halt alle Zähne gleichzeitig herausschießen. 

Ich stelle mir das so vor, dass ich morgens um 6, wenn wir beide aufstehen, ins Bettchen schau und er mir zwei geschlossene Reihen blitzender colgateweißer Zähne entgegenbleckt.

Nein, an den Zähnen liegt es nicht. Aber diese verdammte Hitze! Eltern kleiner Kinder haben während Hitzewellen wie dieser nur zwei Auswege: Entweder zu Hause den ganzen Tag über Entertainer in der abgeschotteten Wohnung spielen. Oder zu den anderen fünfzehntausend Mitbewohnern der Kleinstadt ins Freibad fahren. Aber was macht man dort, wenn das Kind weder Gehen noch schwimmen kann? Dasselbe wie in der abgedunkelten Wohnung: Kinderunterhaltungsprogramm. Das Resultat ist dasselbe: Müde, erschöpfte Eltern, die ausgezehrt und abgekämpft die Bettgehzeit des Kleinen herbeisehnen.

Also bis 19:00 Uhr durchhalten, da hat man sich halt zusammenzureissen. Kurz vor Sieben bekommt der Kleine aus zitternder Elternhand seinen letzten Löffel Nudeln, danach muss der Tomatenmund gewaschen, der halbe Wohnzimmerboden gesaugt und die Wand gestrichen werden, das kennt man ja. Jetzt nur noch ausziehen, wickeln und ab mit dem Kleinen ins Bett, danach eine Flasche Wein öffnen und endlich hat der 13 Stunden Arbeitstag sein Ende!

Der Kleine lässt sich auch ins Bett legen, hört auch interessiert der Spieluhr zu, doch kaum sind die Eltern aus dem Zimmer, hören sie schon den Schnuller, der klackend auf den Parkettboden kullert. Nur Sekunden später beginnt die Sirene, die schreit: Holt mich raus! Lasst mich nicht allein! Mir ist zu heiß, das Zimmer ist zu hell und ich bin doch noch gar nicht müde, ihr Eulen!

Es folgt: Gut zureden. Noch einmal ins Bett legen. Das Püppchen unter die Wangen reiben. Ein Gutenachtlied. Nochmal wickeln. Die Babywunder App ®. Das Fenster mit einer Decke zusätzlich verdunkeln. Noch einmal durchlüften. Im Wohnzimmer spielen lassen. Nochmal ins Bett legen. Babymassage. Nochmal trinken lassen. Beschwörungsformeln. Hypnose. Schreikrampf. Stilles Weinen.

Und kaum kündet ein kühler Windhauch vom Untergang der Sonne hinter dem Westhügel, ist es auf einmal still im Kinderzimmer. Es ist erst Halb Zehn. Noch immer genug Zeit, um sich einen Wein aufzumachen. Aber die Mama ist auf dem Sofa eingeschlafen. Gute Nacht.

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