Es gibt Momente, in denen man in der Toskana steht, im Stau, in der falschen Spur, mit zwei streitenden Kindern auf der Rückbank und einer Dachbox voller Wohlstandsballast – und anfängt, über sein Leben nachzudenken. Das Ergebnis dieser Grübeleien: Die Mautschranke ist eine bessere Lebensmetapher als jedes Selbsthilfebuch. Die aktuelle Hallo Nachbar Kolumne:
Das Leben ist eine Mautstelle – Kolumne von Bernhard Straßer
Das schöne an den Pfingstferien ist ja, dass wir irgendwie alle etwas gemeinsam unternehmen. Es scheint so, als würden wir alle zusammen in den Urlaub fahren. Wirklich. Einmal sind wir in den Pfingstwochen daheim geblieben. Und hatten das ganze Schwimmbad für uns. Also haben auch wir am Pfingstwochenende um 4 Uhr früh die Kinder aus den Federn gejagt, sind ins Auto gestiegen, um wie der Rest Bayerns, nach Süden zu fahren. Am Tag zuvor hatten die meisten Urlauber gemeinsam als erstes die schönsten Staus zwischen Bayern und Italien vor Ort besichtigt. Wir wollten schlauer sein. Und dennoch standen wir irgendwann irgendwo weit im Süden im Stau. Grund waren nicht die Urlauber. Die meisten anderen Deutschen hatten sich bereits an der Ausfahrt Gardasee Süd verabschiedet. Es war eine normale italienische Autobahnmautstelle irgendwo in der Toskana. Hier mischten sich auch unsere Landsleute wieder unter die Einheimischen. Vor der Schranke sind alle gleich. Dachte ich erst. Man hat viel Zeit, über sein Leben nachzudenken, wenn sich ausgerechnet in der Spur, in der man steht, nichts tut. Die Italiener links nutzten grinsend die Videomaut. Rechts ging es ebenfalls zügig voran. Nur in meiner Spur bewegte sich nichts. Ich sinnierte langsam, über die vielen Lebensentscheidungen, die mich genau hierher gebracht hatten. In einen in die Jahre gekommenen Toyota Auris, mit Frau und zwei lautstark streitenden Kindern und einer Dachbox voller Wohlstandsballast. Stehend irgendwo in der Toskana. In der falschen Spur. Kein totaler Stillstand. Aber alles dauerte in meiner Spur so viel länger als links und rechts. Die anderen Familien mit ihren riesigen Bussen und den sündteuren E-Bikes auf und hinter ihren Fahrzeugen zogen alle an mir vorbei. Als ich in Sichtweise der Bezahlschranke kam, beobachte ich meine Leidensgenossen, die alle mit dem System kämpfen. Ich wollte nicht denselben Fehler machen wie sie. Entweder war das Bezahlen in meiner Spur besonders schwierig. Oder ungewöhnlich viele Trottel hatten sich hier eingereiht. Die Mautschranke kam näher, die Selbstzweifel wuchsen. Ich hatte es schon einmal fertiggebracht, ohne Mautschein durch halb Italien zu fahren. Und durfte dann, nachdem ich es war, der den Rückstau verursacht hatte, für ganz Italien zahlen. Nach einem gefühlten halben Leben war ich an der Reihe. Ich steckte den Mautschein dort ein, wo ich ihn schon immer eingesteckt hatte. Meine Frau schrie "Du Depp!" Dann merkte auch ich, dass dies der Schlitz für die Geldscheine war. Nun ging alles schnell. Die Schränke öffnete sich und mein Leben ging weiter. Aber etwas war anders. Ich war total froh über alle meine Lebensentscheidungen. Und am frohesten war ich, dass ich die für mich perfekte Frau geheiratet habe. Und freute mich auf den Urlaub in Italien.
...und so war dann unser Urlaub in Italien:
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